Gasturbinen aus dem Werk Berlin verfrachtet Siemens Energy mit dem Binnenschiff über Spree, Havel und Elbe nach Hamburg. Von dort geht’s in die ganze Welt. © Siemens Energy
Hamburg – KI-Rechenzentren verschlingen gewaltige Mengen an Strom. Jetzt hat der KI-Boom dazu geführt, dass der Energietechnikkonzern Siemens Energy mit der Lieferung neuer Gasturbinen für die Stromerzeugung kaum noch hinterherkommt. „Wir feuern schon aus allen Zylindern“, sagte der Chef von Siemen Energy, Christian Bruch, in Hamburg. „Wir werden bis 2030 jedes Jahr die Kapazitäten in einem gesunden und vernünftigen Maß steigern. Ich wüsste jetzt nicht, was ich noch tun könnte, um 2027 noch mehr Gasturbinen zu produzieren.“ Etwa 25 Prozent der Neuaufträge im Gasturbinengeschäft von Siemens Energy gehen demnach auf den Bau neuer Rechenzentren zurück. Für das Ende März zu Ende gegangene zweite Geschäftsjahresquartal hatte die Gas-Sparte einen Auftragsrekord in Höhe von 8,9 Milliarden Euro gemeldet – knapp ein Drittel mehr als ein Jahr zuvor.
Dass der Markt kippen könnte und die Gasturbinenfabriken von Siemens Energy – etwa in Berlin – auf einmal ihre Produktion drosseln müssen, glaubt Bruch nicht. „Um Überkapazitäten mache ich mir überhaupt keine Sorgen“, sagte er. „Unsere Aufgabe ist jetzt, das abzuarbeiten, was wir im Auftragsbestand haben. Wir bauen keine neuen Fabriken, die dann im nächsten Jahrzehnt leer stehen.“ Bruch verwies auf Marktdaten, wonach weltweit mit einem Neubau von Gaskraftwerken im Bereich 100 bis 120 Gigawatt zu rechnen sei – 40 Prozent davon für Datencenter.
Auch der Iran-Krieg und die Sperrung der Straße von Hormus, die weltweit das Flüssiggas verknappt hat, dämpfen das Turbinen-Geschäft offenbar nicht: Er sehe nicht, „dass der Markt grundsätzlich ein anderer wird“, sagte Bruch. „Wir sehen weiterhin eine Nachfrage nach Gaskraftwerken.“
An der Börse macht sich das aktuell aber nicht bemerkbar: Seit ihrem Rekordstand im April hat die Aktie von Siemens Energy über 20 Prozent an Wert verloren. Zuvor war der Konzern zeitweise zum drittwertvollsten Unternehmen im Dax aufgestiegen – hinter der Siemens AG und SAP. Bruch sagte, dass einige Investoren aktuell ihr Kapital umschichten, da sie wegen der starken Entwicklung der Aktie in den vergangenen Jahren auf hohen Gewinnen säßen. Auch einige Hedgefonds würden Siemens Energy verlassen. „Die Volatilität in der Aktie ist in diesem Fall nicht überraschend“, sagte Bruch.
2023 wies der Konzern wegen Qualitätsproblemen bei Windrädern Milliardenverluste aus und wurde mit Staatsgarantien am Leben gehalten. Im laufenden Geschäftsjahr soll die Wind-Sparte Gamesa wieder in die Gewinnzone kommen. Ob Windenergie langfristig ein Standbein von Siemens Energy bleiben wird, ist unklar. Bruch sagte: „Wir sind fest davon überzeugt, dass die Weltstromversorgung Windenergie braucht. Die Frage für uns ist: Kann ich mit Wind annähernd so viel Geld verdienen, wie ich in den anderen Geschäften verdiene? Das weiß ich heute noch nicht.“ Eine Entscheidung in dieser Frage sei heute auch nicht nötig, jetzt gehe es darum, dieses Geschäft zu stabilisieren.SEBASTIAN HÖLZLE