INTERVIEW

„Deutschland fehlt es an Effizienz“

von Redaktion

Telekom-Vorstand Rodrigo Diehl über den Glasfaser- und Mobilfunk-Ausbau

Die Telekom will Ende des Jahres 3 Millionen Haushalten im Freistaat einen Glasfaseranschluss anbieten. In Ländern wie Spanien ist Glasfaser-Internet seit Jahren Standard. © IMAGO

München – Jetzt kommt das Glasfaserkabel direkt ins eigene Haus: Rodrigo Diehl, seit über einem Jahr Vorstandsmitglied der Telekom und im Bonner Dax-Konzern für das Deutschland-Geschäft zuständig, will den Netzausbau massiv vorantreiben. Das Versprechen: viermal schnelleres Internet im Vergleich mit der alten Technik, als die Daten auf der letzten Meile vom Verteilerkasten per Kupferkabel ins Haus transportiert wurden.

Wie viele Haushalte können Sie in Bayern über einen direkten Glasfaseranschluss am Haus mit schnellem Internet versorgen?

Ende 2025 hatten wir in Bayern circa 2 Millionen angeschlossene Haushalte. Ende dieses Jahres werden wir uns den 2,5 Millionen nähern, Ende 2027 wollen wir die 3-Millionen-Marke knacken.

Liegt bei diesen Haushalten ein Glasfaserkabel in der Straße oder haben diese Haushalte schon einen Glasfaser-Tarif gebucht?

Zahlende Glasfaser-Kunden haben wir in Bayern über 550.000 – das sind 30 Prozent mehr als im Vorjahr.

Das Wachstum mag beeindruckend klingen – in Bayern gibt es aber 6,5 Millionen Haushalte. Der Großteil ist bis heute nicht ans Glasfaser-Netz angeschlossen. In Südkorea, Spanien oder Dänemark gibt es seit Jahren Abdeckungsquoten von teils weit über 90 Prozent.

Der allergrößte Unterschied zu diesen Ländern ist, dass die Baukosten in Deutschland um den Faktor sieben bis zehn höher sind.

Warum ist das so?

Es gibt mehrere Gründe. Ein Beispiel: In anderen Ländern kann man Glasfaserleitungen oberirdisch verlegen, in Deutschland werden die Kabel unterirdisch verlegt – hier kann ich nicht einfach zwischen zwei Pfosten ein Kabel in die Luft hängen. Daher dauert der Ausbau in Deutschland länger und ist sehr, sehr teuer.

Zahlen Kunden in Deutschland auch sieben- bis zehnmal so viel für einen Glasfaser-Anschluss, verglichen mit Spanien oder Dänemark?

Überraschenderweise nicht. Wir bewegen uns hier auf einem ähnlichen Preisniveau. Manchmal ist Deutschland teurer als ein anderes Land, manchmal günstiger.

Begrüßen Sie den deutschen Weg, die Kabel unter der Straße zu vergraben?

In der Altstadt von Syrakus auf Sizilien, immerhin Unesco-Weltkulturerbe, werden Kabel einfach an die Wand getackert. Was glauben Sie, was in Deutschland los wäre, wenn jemand das für die Münchner Altstadt vorschlagen würde? Jedes Land ist anders. Pauschale Vergleiche sind schwierig.

Sie sind in Argentinien geboren und haben in rund 25 Ländern der Welt gearbeitet, auch in den USA. Kann Deutschland trotzdem von anderen lernen?

Es gibt nicht das eine Modell, das wir kopieren sollten. Aber es gibt in verschiedenen Ländern Ansätze, die man sich ansehen kann. Und dann macht man das Beste für Deutschland daraus. An einem fehlt es aber in Deutschland: an Effizienz. Die Genehmigungs- und Abstimmungsprozesse könnten viel schlanker organisiert sein.

Damit eine frisch asphaltierte Straße von der nächsten Baufirma nicht gleich wieder aufgerissen wird, wenn die Telekom Glasfaser verlegt?

Das muss nicht sein, aber es geht noch um andere Dinge. In Abensberg in Niederbayern haben wir ein Pilotprojekt gestartet. Mit der Stadtverwaltung und der beteiligten Baufirma proben wir ein beschleunigtes digitales Verfahren. Innerhalb von zwei Jahren sollen rund 6000 Haushalte ans Glasfasernetz angeschlossen werden.

Die zweite große Baustelle der Telekom ist das Handynetz. Während in den Städten 5G längst Standard ist, gibt es immer noch Funklöcher – sieben der zehn größten in Deutschland liegen in Bayern. Auch mobiles Internet gibt’s nicht überall.

Wir erreichen dreizehn Prozentpunkte mehr Flächenabdeckung mit 5G als unser nächster Wettbewerber. Aber ja: Es gibt Lücken und die würden wir gerne schließen. An manchen Orten dauert es aber zwei bis drei Jahre, bis wir eine Genehmigung bekommen. Insbesondere rund um die bayerischen Seen ist es schwierig.

Was ist dort das Problem?

Nehmen wir den Königssee: Dort haben wir es mit unterschiedlichen Behörden zu tun: Naturschutz, Landkreis und die Kommune. Dort das Netz auszubauen, ist extrem schwierig.

Wann glauben Sie, können Touristen von der Wallfahrtskirche St. Bartholomä am Königssee ein Selfie in die Welt schicken?

Das müssen Sie die Behörden fragen. Immerhin haben wir in St. Bartholomä einen alten GSM-Standort, telefonieren ist also möglich.

Warum bauen Sie den GSM-Standort nicht einfach um?

Das hat uns der Denkmalschutz untersagt – obwohl es jetzt Antennen gibt, die kaum noch sichtbar sind. Also hatten wir die Idee, den Mast an den Waldrand zu stellen. Wir haben einen Bauantrag gestellt, mit dem Ziel, dort Bodenproben zu entnehmen. Das hat uns aber die Nationalparkverwaltung nicht erlaubt. Jetzt liegt die Sache beim Landratsamt. Inzwischen sind sieben Jahre vergangen, und langsam steigt der Druck – 2028 wird das GSM-Netz abgeschaltet. Dann wäre auch Telefonieren von St. Bartholomä nicht mehr möglich.

Das klingt nach einem sehr speziellen Fall.

Solche Diskussionen führen wir aber an vielen bayerischen Seen und überall in Deutschland: Die Kommune will den Mast an einem Standort, wo das Landschaftsbild nicht gestört wird, andere Behörden haben ihre eigene Vorstellung. Aber der Mast soll Mobilfunkversorgung schaffen, den kann man nicht beliebig irgendwo hinter den nächsten Hügel stellen. Das ist sehr herausfordernd. Dennoch betreiben wir in Bayern inzwischen 6300 Mobilfunkstandorte – und jeder hat seine eigene Geschichte.

Wie viele dieser 6300 Antennen sind Teil des 5G-Netzes?

5900 sind 5G-Standorte. Bei 5G kommen wir inzwischen auf eine Bevölkerungsabdeckung von 99 Prozent. Bei der Fläche haben wir eine Abdeckung von 90 Prozent, mit LTE noch mehr. Wenn es noch Lücken gibt, dann liegt das nicht allein an uns.

Die Telekom überträgt die Spiele der Fußball-WM über Magenta TV. Kommen die Netze mit dem Datenvolumen klar?

Natürlich ist die Auslastung unserer Netze signifikant angestiegen, wir übertragen ja in UHD, aber für diesen Zweck sind die Netze gebaut. Als Deutschland gegen Curaçao gespielt hat, hatten wir an den Knotenpunkten, wo die Daten aggregiert und verteilt werden, den höchsten Datenverkehr in unserer Geschichte. Auch die Auslastung des Mobilfunknetzes erreichte ein Allzeithoch.

Wie erklärt sich das?

Wahrscheinlich hat jeder vor dem Deutschland-Spiel noch schnell ein Selfie an die Freunde geschickt. Und einige haben das Spiel vermutlich am Handy geschaut. Inzwischen reden wir daher auch nicht mehr nur von 5G, sondern denken über 6G nach.

Wann rechnen Sie mit der Einführung von 6G?

Aktuell werden die Standards entwickelt und definiert. Wann genau 6G eingeführt wird, kann ich noch nicht sagen.

Und in den Jahren danach? Benötigen wir dann noch Kabel im Boden und Handymasten? Starlink von SpaceX hat bewiesen, dass Internet aus dem Weltall technisch möglich ist.

Internet aus dem Weltall ist und bleibt eine Ergänzung zum bestehenden Netz – weswegen wir mit SpaceX auch eine Partnerschaft eingegangen sind. Glasfaser hat einfach eine höhere Kapazität als eine Funkverbindung zu einem Satelliten. Das ist Physik.

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