Deutschland-Chef Peter Jelkeby: Kunden können „nun ganz unkompliziert bei uns vorbeischauen“. © Andreas Höß
Ansturm trotz Hitze: Bei der Eröffnung am Mittwoch drängten schon in den ersten Minuten hunderte Kunden in den neuen Ikea. © Andreas Höß
Ingolstadt – Hej! Ikea probiert etwas Neues. Nicht bei der Kundenansprache, hier bleiben die Schweden beim kumpeligen „Hej“. Aber im Verkauf. In Ingolstadt hat der Möbelgigant einen sogenannten Small Store eröffnet. Er gilt als Pilotprojekt für ganz Deutschland. Bei der Eröffnung war das Interesse der Kunden jedenfalls groß. Zu Schwedenromantik mit Geigenmusik und Gitarre wälzten sich trotz sengender Hitze hunderte Menschen durch den Laden – und kauften vor allem sehr viel Krimskrams.
Das Neue am Ingolstädter Ikea: Er soll „den Kunden ein Stück näher kommen“, wie es bei Ikea heißt. Das zeigen schon Lage und Größe. Er sieht von außen eher aus wie ein Supermarkt und hat mit knapp 3000 Quadratmetern nicht einmal ein Zehntel der Fläche der bekannten mehrstöckigen Ikea-Klötze. Außerdem liegt er nicht in einem städtischen Vorort wie Eching oder Brunnthal bei München, sondern er sitzt direkt in Ingolstadt. Ikea hat sich dort in den Einkaufslagen am Rand angesiedelt. Rundherum: ein dm-Drogeriemarkt, ein Fitnessstudio, ein Laden für Hörgeräte, ein Gartencenter, ein Edeka und weitere Super- und Baumärkte.
Ein guter Platz also, wenn man sowieso für Erledigungen und Einkäufe unterwegs ist. Passend dazu auch die Produktpalette. Natürlich gibt es den Bürostuhl „Markus“ und das 4er-Sofa „Söderhamn“. Die gehören aber zu den Schwergewichten im Sortiment vor Ort, das etwa ein Drittel der rund 10.000 Stücke in einem großen Ikea umfasst. Den Großteil der Verkaufsfläche belegen dagegen Mitnehm-Produkte wie die Klobürste „Bolmen“, das Tischset „Strandfloka“, die „Glimma“-Teelichter, der Topf „Finmat“ oder der Stofftier-Affe „Djungelskog“. Auch Hotdogs, Zimtschnecken und Köttbullar gibt es im Mini-Ikea.
„Wer ein Geschenk oder eine Serviette braucht, fährt keine 60 oder 70 Kilometer in den nächsten Ikea“, erklärt Michael Vortkamp, der neben dem kleinen Ingolstädter auch den großen Echinger Ikea leitet, den Plan, näher an die Kunden zu rücken. Dennoch will er den Small Store nicht nur auf Kleinkram und Deko reduziert sehen und verweist auf die „Omnichannel-Strategie“, also den Verkauf über alle Kanäle: So könne jeder Kunde in der Filiale in Ingolstadt seine Küche planen oder ein Bett probeliegen und sich die Waren dann nach Hause liefern lassen. Auch „click and collect“, also Dinge zu Hause bestellen und sie dann in der Filiale abholen, soll bald möglich sein. Noch gebe es die Option aber nicht, räumt Vortkamp ein. Auch die Kostenfrage für die Lieferung sei noch nicht geklärt.
Die Waren dafür kommen übrigens aus den Münchner Ikeas in Eching und Brunnthal, 60 und 100 Kilometer von Ingolstadt entfernt. Dort müssen die Ingolstädter nun nicht mehr zwingend hin. Sie können „nun ganz unkompliziert bei uns vorbeischauen – egal, ob sie nach Wohninspiration, professioneller Planungsunterstützung oder unseren ikonischen Köttbullar suchen“, sagte Peter Jelkeby, Deutschland-Chef von Ikea, am Mittwoch. Die Eröffnung sei ein „Meilenstein“, um die in den USA, Frankreich oder England bereits vor einem Jahr gestartete Strategie auch in Deutschland zu starten. Ob es zeitnah weitere Eröffnungen in Deutschland geben werde? „Wahrscheinlich“, so Jelkeby. Das Gute am neuen Konzept sei, dass man es überall schnell und günstig hochziehen könne, sagte Ladenleiter Vortkamp. Blickt man in andere Länder, dürften die Mini-Ikeas eher in kleineren und mittleren Städten liegen. In England gibt es sie in Norwich, Chester und Harlow, alle wie Ingolstadt irgendwo zwischen 100.000 und 200.000 Einwohnern.
Ob es wirklich so kommt? Mal sehen. Ikea probiert immer wieder Neues aus und eröffnete zuletzt zum Beispiel Planungsbüros und Pop-up-Stores in Städten. Angesichts von Dauerkrise und Konsumzurückhaltung in Europa muss sich selbst der kultige Möbelriese etwas einfallen lassen, zuletzt gingen seine Umsätze leicht zurück.
Ikea-Fans würden die Mini-Stores jedoch freuen. Statt einmal im Jahr könnten sie den Ikea-Ausflug so regelmäßig in den Wocheneinkauf integrieren, sich etwa Papierservietten oder Hotdog-Semmeln für den nächsten Kindergeburtstag besorgen und den Plüschaffen als Geschenk gleich mit. Der ohnehin gebeutelte örtliche Einzelhandel dürfte die neue Strategie des Handelsriesen aber mit Argusaugen beobachten. Immerhin würde der nette schwedische Möbelgigant so vielen örtlichen Haushaltswaren-, Spielwaren- oder Dekoläden mächtig Konkurrenz machen.