In der Baywa-Zentrale am Effnerplatz wird um die Zukunft gerungen. © Marcus Schlaf
München – Seit Februar liefen die Verhandlungen, nun gibt es eine Einigung in einem der größten deutschen Sanierungsfälle: Die Gläubiger der Baywa verlängern die Finanzierung des Unternehmens bis 2030 und könnten mittelfristig sogar auf hunderte Millionen Euro verzichten. Im Gegenzug hinterlegen die genossenschaftlichen Großaktionäre ihre Baywa-Anteile als Sicherheit in einem Treuhand-Konstrukt und stellen frisches Kapital in Aussicht (siehe Kasten). „Das ist ein Ergebnis, mit dem alle leben können, obwohl es beiden Seiten wehtut“, sagt Stefan Müller, Chef des Genossenschaftsverbands Bayern, der die an der Baywa beteiligten Volks- und Raiffeisenbanken aus Bayern vertritt. Nun habe der angeschlagene Agrarkonzern Zeit, um die Sanierung in Ruhe fortzusetzen und sich strategisch neu aufzustellen.
Die Schuldenlast der Baywa soll sinken
Ursprünglich hatte sich die in der Spitze mit rund sieben Milliarden Euro verschuldete Baywa in einem Sanierungsplan verpflichtet, bis 2028 vier Milliarden Euro an Schulden abzubauen. Dazu war auch ein Verkauf der Baywa r.e. vorgesehen, der 1,7 Milliarden Euro in die Kassen spülen sollte. Da die auf Erneuerbare Energien spezialisierte Tochter wegen Problemen mit Solar- und Windparks in den USA aber selbst tief in der Krise steckt, wurde der eingeplante Verkaufserlös Anfang 2026 als unrealistisch verworfen. In einem neuen Plan soll die Sanierung nun bis 2030 gestreckt und zusätzlich der Wärme-, Pellet- und Heizölhandel der Baywa veräußert werden.
Zudem belasteten Verluste der Baywa r.e. zuletzt auch die Baywa-Bilanz stark, weshalb das Unternehmen immer noch keinen Geschäftsbericht für das Jahr 2025 veröffentlicht hat. Nun wird die Beteiligung der Baywa r.e. in eine Treuhandgesellschaft ausgelagert und so bilanziell abgetrennt. „Damit haben wir eine Brandschutztür, die verhindert, dass wegen der Baywa r.e. das gesamte Haus Feuer fängt“, hieß es aus der Baywa. Offenbar könnte die Ökostromtochter schon bald an eine „Transformations-Gesellschaft“ verkauft werden. Details gebe es „in wenigen Wochen“, zitiert die Nachrichtenagentur dpa aus internen Mails. Allerdings könnte der Verkauf der Baywa laut Schätzungen nur noch rund 900 Millionen einbringen, zudem soll sie auf Forderungen verzichten.
Die Verhandlungen über den neuen Baywa-Rettungsplan liefen über mehrere Monate. Anfangs wollten die Banken die Lasten der erneut nötigen Stabilisierung vor allem auf die Aktionäre abwälzen, die insgesamt bereits mehr als 500 Millionen Euro zur Baywa-Rettung beigetragen haben. Es soll gedauert haben, bis sie eine eigene Beteiligung in Form eines möglichen Schuldenverzichts akzeptiert haben. Auch eine Enteignung der Kleinaktionäre, denen knapp ein Drittel der Baywa gehört, sollen die Gläubiger zwischenzeitlich gefordert haben. „Ich bin froh, dass man sich das am Ende doch nicht getraut hat“, sagt Daniela Bergdolt von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz. „Unter den Kleinanlegern sind viele Landwirte, Baywa-Mitarbeiter und Rentner, die eine Investition in die einst solide Baywa viele Jahre lang als sicheres Investment angesehen haben.“
Mehrere Gremien müssen zustimmen
Künftig will die Baywa sich nach einer Schrumpfkur und Verkäufen von Beteiligungen wieder auf die Kernbereiche Agrar, Technik und Baustoffe konzentrieren. Nach der langen Hängepartie müsse der Agrarkonzern den Blick nun wieder mehr nach vorne richten, fordern die Anteilseigner. „Jetzt braucht es eine tragfähige Strategie und auch einen neuen Unternehmenschef, der sich um das Tagesgeschäft kümmert“, betont Stefan Müller vom Genossenschaftsverband. Derzeit leitet der von den Banken berufene Chefsanierer Michael Baur den Konzern – eher nebenbei. Frank Hiller, der 2025 gerufen wurde, um die Baywa aus der Krise zu führen, wurde nach wenigen Monaten als Baywa-Chef abgesägt.
Trotz der Einigung gibt es noch eine Unsicherheit: Die Gremien der Großaktionäre und über 250 Gläubiger müssen dem Entscheid bis Ende Juli zustimmen, bevor ein neuer Sanierungsplan finalisiert werden kann. Schon bei der Verhandlung zum letzten Plan hatten sich ein Bremer Investor und eine ostdeutsche Bank quergestellt, was das Konstrukt fast zum Scheitern brachte. „Ich gehe davon aus, dass die Vernunft siegt und alle zustimmen“, sagt Aktionärschützerin Bergdolt. „Die Alternative wäre die Pleite – es geht also immer noch um Leben und Tod.“