INTERVIEW

„Das Kanzler-Telefon wiegt elf Kilo“

von Redaktion

Ralf Wintergerst über digitale Identitäten, KI-Kontrollen und Sicherheit im Netz

Achtung, Kontrolle: Statt des Fotovergleichs am Zollhäuschen gibt es schon heute biometrische Abgleiche an Flughäfen. Das wird sich ausweiten, sagt Wintergerst. © Smarterpix

München – Das 1852 gegründete Unternehmen Giesecke + Devrient ist eine der größten Gelddruckereien der Welt, sie arbeitet insgesamt mit rund 145 Notenbanken zusammen. Mit Vormarsch digitaler Zahlungsmittel steckt die Münchner Firma immer mehr Energie in Bereiche wie Zahlungen im Internet, aber auch Identifikation und Sicherheitstechnik und sie ist heute Partner der Bundesregierung, der NATO und stellt sogar Sicherheitssysteme für das Pentagon. Doch wo prägt Sicherheitstechnik unseren Alltag? Und was sind die Schattenseiten? Das haben wir Giesecke-Chef Ralf Wintergerst gefragt, der auch den Digitalverband Bitkom leitet.

Herr Wintergerst, Giesecke + Devrient stellt neben Geldscheinen und Sicherheitstechnik auch Ausweise her. Wie lange werden wir uns noch mit einer Plastikkarte ausweisen?

Ich hoffe, dass wir noch lange einen physischen Personalausweis haben – nicht nur, weil wir damit Geld verdienen. Die digitale Welt funktioniert nicht immer. Und wenn sie nicht funktioniert, müssen wir trotzdem zahlen und uns ausweisen können. Deshalb ist es wichtig, dass es mehrere Optionen gibt.

Welche Möglichkeiten gibt es zum Beispiel?

Etwa die Biometrie. Digitale Geräte können immer mehr menschliche Merkmale auslesen und zuordnen. Zwei Beispiele: Am Handy kann man sich mit seinem Fingerabdruck, seinem Gesicht oder seiner Iris identifizieren. Und in den USA kann man schon in verschiedenen Shops und Märkten einkaufen, ohne etwas an der Kasse zu scannen, Geld herauszukramen oder eine Karte aufzulegen.

Wie funktioniert das?

Der Raum des Shops ist mit einer bestimmten Technologie umrandet und erkennt eine Person, wenn sie ihn betritt. Man nennt das Geofencing. Die Person legt dann einfach Dinge in Ihren Warenkorb und verlässt damit den Laden. Das Bezahlsystem erstellt automatisch eine Rechnung und bucht sie von einem hinterlegten Konto ab. Solche Technologien sind auf dem Vormarsch.

Wie identifiziert der Shop denn die Person?

Zum Beispiel über das Handy. Oder über einen Chip, den die Person bei sich hat oder der ihr implantiert ist.

Wie bei einer Katze?

So ähnlich. Künstliche Intelligenz kann Menschen außerdem bereits an ihrer Physiognomie erkennen, also am äußeren Erscheinungsbild, dem Gesicht, dem Gang und so weiter.

In China werden Menschen durch KI überall erfasst und ausgewertet. Ist das auch für Europa denkbar?

Nicht in dem Ausmaß wie in China, wo fast überall Kameras und Funkmasten stehen. G+D macht aber zum Beispiel an einem englischen Flughafen gerade einen Test, bei dem wir Reisende aufgrund ihrer Physiognomie über KI identifizieren. Die müssen dann kein Ticket und keinen Pass mehr vorlegen, sondern können einfach durch die Sicherheitsschleuse gehen. Gerade für Vielflieger ist das interessant. Es macht das Reisen bequemer, erspart das ewige Schlangestehen und man muss nicht mehr so viele Dinge anfassen, was die Verbreitung von Viren und Krankheiten reduziert.

Also eine spannende Technik für Vielflieger?

Nicht nur, digitale Identifikation ist auch für in Armut lebende Menschen. Etwa eine Milliarde Menschen auf der Welt hat keinen Zugang zu Banken, Zahlungsdiensten, Staatsleistungen oder zum Bildungssystem. Viele von ihnen besitzen aber ein Handy, mit dem man Gesicht, Fingerabdruck oder Iris scannen kann. So könnte man ihnen eine Identität geben und Teilhabe ermöglichen – viele unserer Lösungen bei G+D unterstützen dieses Ziel.

Machen uns Gesichtsscans implantierte Chips und KI nicht zu gläsernen Bürgern?

Das macht uns leichter identifizierbar. Ich glaube aber nicht, dass jede Technik immer zum Schlechten verwendet wird. Ich selbst würde mehr biometrische Daten preisgeben, wenn es für mich alltägliche Dinge wie Reisen erleichtert.

Haben Sie keine Angst vor Überwachung, Missbrauch und Datenklau?

Diese Risiken gibt es. Wir müssen alles tun, um Missbrauch von Daten und Identitäten zu verhindern. Aber gerade in Deutschland wird mit Daten sehr sorgsam umgegangen. Wenn Sie am Münchner Flughafen Ihren Ausweis vorlegen, wird das nirgendwo registriert. Nur wenn Sie eine gesuchte Person sind, schrillt bei der Polizei der Alarm. Das alles ist in Europa durch die Datenschutz-Grundverordnung geregelt. Sie ist eine gute Sache, weil sie sicherstellt, dass wir der Besitzer unserer Daten sind. Das ist nicht überall auf der Welt so.

Manchmal hat man eher den Eindruck, Konzerne wie Meta oder Alphabet sind die Besitzer unserer Daten.

Die Technologiekonzerne sind wie große Werbeagenturen. Sie wollen möglichst viel Wissen über Menschen sammeln und dann an ihre Kunden verkaufen. Im Grunde halten sie sich dabei aber an die Datenschutzregeln. Sie nutzen nur das, wozu wir zustimmen. Das Problem ist nur: Wir stimmen bei allem zu. Meist sind wir einfach zu bequem, die Datennutzung abzulehnen. Da liegt die Verantwortung auch beim Bürger.

Und was ist mit Datendieben und Hackerangriffen?

Auch da kann man selbst vorbeugen. Die allermeisten Angriffe laufen nach dem gleichen Schema: Kriminelle versuchen mit einfachsten Mitteln, an Passwörter zu kommen, und testen diese dann bei vielen Plattformen, bis sie irgendwo funktionieren. Der Schutz dagegen ist oft ganz simpel: 12345 ist ein schlechtes Passwort. Man sollte sich bessere überlegen und die auch öfter wechseln. 2-Faktor-Authentifizierung ist eine weitere Möglichkeit, sich besser zu wappnen.

Immer mehr Daten von uns landen bei Unternehmen und Behörden. Auch für den Staat stellt Ihre Firma Sicherheitssysteme. Muss man Angst haben, dass staatliche Stellen gehackt werden?

Wenn Dinge wie Gesundheits- oder Bankdaten irgendwo im Netz landen, ist das natürlich fatal. Das muss man verhindern. Die sensiblen Daten von Behörden liegen wie wichtige Bankdaten größtenteils in einer Cloud, die wirklich sehr sicher ist. Das größere Risiko sind hier die Übertragungswege.

Hat die Gefahr durch Hacker zugenommen?

Definitiv. Vor allem seit dem Beginn des Krieges zwischen der Ukraine und Russland stellen wir immer mehr Angriffe fest – teilweise arbeiten hier staatliche Stellen in Russland gezielt mit Kriminellen zusammen. Auf einzelne Behörden gibt es Tausende Angriffe pro Tag. Die Angreifer prallen aber in aller Regel an den Sicherheitssystemen ab.

Muss man Angst haben, dass wichtige Personen wie der Bundeskanzler ausgespäht werden?

Die Versuche mag es geben, ich halte es aber nicht für sehr wahrscheinlich, dass das bei sensiblen Themen erfolgreich ist. Wichtige Telefonate führt der Bundeskanzler beispielsweise mit einem speziellen Telefon, das bestimmte Ansteckpunkte für Verschlüsselungstechniken hat. Das ist fast wie in einem James-Bond-Film, wiegt elf Kilo und kommt auch von uns. Wir sind NATO-zertifiziert und Sicherheitspartner der Bundeswehr. Bei anderen Behörden und Ministerin ist das ähnlich. Auch hier ist Technik von uns im Spiel, wenn es um etwas Geheimes geht.

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