Das Modul 4 (im Bild rechts) verdoppelt die Kapazitäten von Infineon in Dresden. Jeder dritte Chip aus Europa wird in Dresden gefertigt. © Robert Michael/dpa
Dresden – Es ist ein großer Tag für Infineon, Sachsen und vielleicht für Europa: Gestern hat der Chip-Konzern die Erweiterung seines Chip-Werks in Dresden eröffnet. 5 Milliarden Euro haben die Neubiberger in das neue Modul 4 gesteckt. Es wird die bisherigen Kapazitäten verdoppeln. Und obwohl die Anlagen quasi vollautomatisch arbeiten, sollen allein im Werk selbst 1000 neue Arbeitsplätze entstehen, tausende mehr in der Region.
Das Projekt wurde von vielen herbeigesehnt: 920 Millionen Euro Steuergeld aus Deutschland und der EU fließen in das Fabrik, die Genehmigungsbehörden arbeiteten auf Hochtouren. Deshalb ist der Anbau drei Monate früher fertig als geplant. Die Fabrik soll Europas Abhängigkeit von Halbleiter-Importen senken: Infineon ist Weltmarktführer bei Leistungs-Chips, die große Stromflüsse steuern. Das Dresdner Werk ist ein wichtiger Zulieferer für Windräder, E-Autos und Rechenzentren. Besonders Letztere werden in rasender Geschwindigkeit gebaut, brauchen aber oft mehr Strom als ausgewachsene Städte. Effiziente Energieversorgung ist gefragt, und damit die Hightech-Ware von Infineon. „Wir eröffnen unser neues Werk genau zur richtigen Zeit“, sagte Infineon-Chef Jochen Hanebeck.
Die Fabrik ist laut Konzern die weltgrößte für „Leistungshalbleiter und Analog/Mixed-Signal-Technologien.“ Bei Letzteren handelt es sich primär um digitale Steuerungen für physische Schaltanlagen. Beide Komponenten werden oft gemeinsam in Systemen verbaut.
Die Neuberger sind nicht allein im sogenannten Silicon Saxony, dem deutschen Pendant zum Silicon Valley in Kalifornien. Jeder dritte Chip, der in Europa gefertigt wird, stammt aus dem Dresdner Industriekomplex. Aktuell baut ein Joint Venture aus TSMC, Infineon und Bosch an einer weiteren Fabrik. Laut Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer werden in den kommenden Jahren weitere folgen.
Die Chip-Industrie ist der Jobmotor für die ganze Region: 80.000 Menschen arbeiten hier. Die TU Dresden ist die einzige Exzellenz-Uni Ostdeutschlands – außerhalb von Berlin. Jedes Jahr bringt die Uni 20 Start-ups hervor, viele davon aus dem Halbleiterbereich. Infineon pflegt engen Kontakt zur Forschung: „Wir profitieren vom Ökosystem Dresden“, so ein Sprecher. „Wo Start-ups sind, sind auch Talente.“
Eines der Start-ups ist die Firma Wandelbots. Sie programmiert Industriesoftware für Fabrikroboter. Der Clou: Die verschiedenen Programmiersprachen werden in ein System übersetzt. So kann der Roboter in einer digitalen Umgebung für neue Aufgaben trainiert werden. „Ein großer Kunde von uns hatte eine Taktzeit von 23 Sekunden“, erklärt Firmen-Chef Christian Pichnik. „Wir haben den Roboter zwei Wochen in der Cloud trainiert, danach war er doppelt so schnell.“ Noch ein Vorteil: Die in der Cloud gespeicherten Bewegungen können einfach auf neue Roboter übertragen werden. Ein Kunde ist der Autozulieferer Schaeffler. Pichnik gehört zu einer selbstbewussten Szene, die den Standort stärken will: „Wir planen einen Börsengang aus Dresden heraus.“
Die Chipbranche schafft aber auch handfeste Industriejobs – etwa bei der Firma DAS Umwelttechnik vor den Toren Dresdens: Das Familienunternehmen produziert in zweiter Generation Reinigungsanlagen für Gas und Abwasser aus Chipfabriken. „Wir beschäftigen in Dresden die Hälfte unserer 1000 Mitarbeiter und wollen dieses Jahr 80 neue Stellen aufbauen“, erklärt Firmenchef René Reichardt. „90 Prozent unserer Fertigung geht in nicht-EU-Länder“. Denn auch in Taiwan wächst der Bedarf für Umweltschutz: „Kunden wie Apple, Google und Microsoft schauen sehr genau auf den ökologischen Fußabdruck ihrer Chips. Das ist ein Gamechanger für uns.“ In der hellen Werkshalle wird fast alles von Hand geschraubt: „Viel von diesen Prozessen können Sie gar nicht automatisieren.“