CDU-Ministerin Katherina Reiche. © Michael Kappeler, dpa
Batterie-Park Bollingstedt in Schleswig-Holstein: Der 100-Megawatt-Speicher ging vor einem Jahr ans Netz. In München wird bald eine ähnliche Anlage gebaut. © Ulrich Mertens, Eco Stor
München – Gigantische Batterie-Farmen sollen die Energiewende in Deutschland vorantreiben, indem sie Wind- und Sonnenstrom zwischenspeichern. Einer der zentralen Akteure beim Bau solcher Großspeicher: die Firma Eco Stor aus Kirchheim im Landkreis München. Der Chef des Unternehmens, Georg Gallmetzer, hält das Potenzial der Anlagen nach wie vor für unterschätzt – und kritisiert Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) für ihren Fokus auf Gaskraftwerke.
Herr Gallmetzer, wie groß sind die Batterie-Parks, die Ihre Firma baut?
Unser aktuell größtes Projekt ist ein Speicher in Förderstedt in Sachsen-Anhalt. Wir reden hier von 300 Megawatt Leistung und über 700 Megawattstunden Speicherkapazität – nach der Eröffnung Ende Juli ist das der größte Batteriespeicher Deutschlands.
Bleibt das so?
Nein, der Pokal wandert dann weiter an RWE, sobald die RWE mit ihrem 400-Megawatt-Speicher am alten AKW-Standort Gundremmingen an den Start geht. Es gibt noch weitere Großprojekte, das ganze Thema Batteriespeicher nimmt jetzt richtig Fahrt auf.
300 Megawatt, das ist etwa die Leistung eines ausgewachsenen Gaskraftwerks. Was können diese großen Batteriespeicher im Netz leisten?
Die großen Batteriespeicher sind ganz, ganz große Staubsauger für die Überschüsse an Wind- und Solarstrom. Heute werden Wind- und Solarparks abgeregelt, wenn der Strom nicht verbraucht wird. Mit den Batterien lässt sich der Strom zwischenspeichern.
Wie kann man sich das vorstellen?
Die Stadt München zum Beispiel hat eine Lastspitze von etwa einem Gigawatt. Mit einer Anlage wie in Sachsen-Anhalt könnte man für zwei bis zweieinhalb Stunden ein Drittel des Münchner Strombedarfs abdecken.
Planen Sie in München einen Großspeicher?
Ja. 2028 soll am Umspannwerk Menzing im Westen der Stadt ein Batteriespeicher ans Netz gehen – der hat aber „nur“ 100 Megawatt, damit lässt sich ein Zehntel der Spitzenlast von München abpuffern. Aber immerhin.
Warum haben Sie nicht größer gebaut?
Weil in München die Flächen begrenzt sind. Der Bau noch größerer Speicher auf Stadtgebiet ist schwierig.
Eine Sache werden Batterien in Zukunft vermutlich nicht leisten können: Eine Dunkelflaute von mehreren Tagen oder Wochen überbrücken. Ohne Gaskraftwerke wird es nicht gehen, oder?
Man braucht beides. In einer Dunkelflaute benötigen wir zwar die Gaskraftwerke, aber nachts, wenn die Nachfrage gering ist, können wir mit dem Strom aus den Gaskraftwerken die Batterien aufladen, um tagsüber die höhere Nachfrage zu bedienen. Das heißt, der Batteriespeicher atmet auch in der Dunkelflaute – nur eben Gasstrom oder was eben sonst gerade im Netz ist. Dadurch benötigen wir am Ende weniger Kraftwerke.
Durch den Kohleausstieg werden im deutschen Stromnetz bald 22 Gigawatt fehlen. Daher will Wirtschaftsministerin Katherina Reiche im Herbst neue Gaskraftwerke ausschreiben, gestartet wird mit 9 Gigawatt, also etwa 20 neuen Gaskraftwerken. Brauchen wir diese Leistung?
Ja – aber kein Watt zusätzlich! Wenn wir die Elektrifizierung weiterdenken, die Netze flexibilisieren und die Speicher vorantreiben, haben wir mit den 9 Gigawatt, die jetzt ausgeschrieben werden, die Reservekapazität erreicht.
Die EU hat der Bundesregierung erlaubt, insgesamt 12 Gigawatt an Gaskraftwerken neu zu bauen, die restlichen 10 Gigawatt sollen technologieoffen ausgeschrieben werden.
Sollten noch mehr Gaskraftwerke gebaut werden, wären das Perlen vor die Säue. Schon die 9 Gigawatt sind teuer erkauft. Die Bundesregierung hat dem Druck der Lobbyverbände nachgegeben, anstatt nach Alternativen zu suchen – das werden die Verbraucher beim Strompreis spüren. Auch geopolitisch halte ich wenig von dieser Politik.
Warum?
Das Gas kommt am Ende doch wieder aus Ländern wie Russland oder den Golf-Staaten, in deren Abhängigkeit wir uns nicht ohne Not bringen sollten. Und wenn wir Fracking-Gas beziehen, machen wir uns von den USA abhängig. Die konservative Energiepolitik der Wirtschaftsministerin beißt sich mit geopolitischer Resilienz.
Sie sehen die Regierung auf einem falschen Kurs?
Die Wirtschaftsministerin will offenbar zurück ins fossile Zeitalter – zumindest ist das ihre Rhetorik: Öffnung des Verbrennerverbots, zurück zu den Ölheizungen, und so weiter. Bei dieser Rhetorik müssen wir davon ausgehen, dass die Regierung auch bei der Kraftwerksstrategie keine Offenheit für nichtfossile Alternativen besitzt. Wichtig ist mir aber zu betonen, dass die Strategie der Regierung nicht in allen Aspekten falsch ist – sie ist nur nicht zu Ende gedacht.
Was hätte man besser machen können?
30 Prozent der Kapazitätslücke, die durch den Kohleausstieg entsteht, könnten wir mit Batteriespeichern decken.
30 Prozent der 22 Gigawatt? Das wären knapp sieben Gigawatt aus Batterien.
Die von der Bundesnetzagentur berechnete 22-Gigawatt-Lücke fußt auf veralteten Daten. Hinzu kommt: Die Batterie-Technologie hat sich schneller entwickelt, als Behörden ihre Pläne machen. Die Zukunft gehört den Batterien, da lege ich mich fest, die Messe ist gelesen.
Auf welche Technologie setzen Sie?
Aktuell auf Lithium-Ionen-Batterien, perspektivisch aber auf Natrium-Ionen-Batterien.
Was kostet Sie ein Batterie-Park wie in Sachsen-Anhalt?
Wir reden hier von einem niedrigen dreistelligen Millionenbetrag. Da stehen dann etwa 300 Container, davon sind etwa 200 Container Batterien, und 100 Container sind Wechselrichter. Die Batterien sind dabei nicht das Teure, sie machen nur etwa 50 Prozent der Gesamtprojektkosten aus. Netzanschlusskosten, Umspannwerk – das ist das, was wirklich Geld verschlingt.
Auch die Netzbetreiber drücken auf die Bremse: Die Zahl der Netzanschlüsse für Batterie-Parks, etwa an Umspannwerken oder ehemaligen Kraftwerken, ist begrenzt. Auch mögen es die Netzbetreiber nicht, wenn Strom unkontrolliert ins Netz fließt und wieder entnommen wird.
Aber selbst dafür gibt es Lösungen: Wir haben jetzt mit Eon – immerhin der größte Betreiber von Verteilnetzen in Deutschland – eine Art flexiblen Netzanschluss entwickelt: Ist die Auslastung im Netz gering, können die Speicher die freien Kapazitäten nutzen. Gleichzeitig ist der Speicher zum Laden gezwungen, wenn die Sonne scheint – der Netzbetreiber spart dadurch viel Geld, und am Ende auch der Verbraucher. In Bollingstedt in Schleswig-Holstein haben wir das mit Eon getestet, jetzt soll das im gesamten Eon-Netz ausgerollt werden.
Bisher bekommen Sie um die Mittagszeit Solarstrom praktisch geschenkt und können ihn nachts teuer verkaufen. Wenn immer mehr Batterien ans Netz gehen, zerstören Sie sich doch langfristig Ihr eigenes Geschäftsmodell, oder?
Wenn wir es geschafft haben, die Speicherlücke zu stopfen, dann ist unsere Mission erfüllt. Das ist doch wunderbar! Dann können wir unseren Kindern und Enkelkindern erzählen, dass wir diejenigen waren, die die Energiewende vorangetrieben haben, als sie auf der Kippe stand. Aber es stimmt schon: Langfristig muss die Branche umdenken – und das wird sie auch tun. Die Suche nach neuen Geschäftsmodellen ist aktuell aber unser kleinstes Problem.