MAN-Produktion in München: Der Nutzfahrzeug-Hersteller baut in München 1300 Stellen ab und verlagert Produktionsschritte nach Polen. Für die IG Metall ist das nur eines von vielen Beispielen in der Verlagerungswelle in der Industrie. © IMAGO
München – Der Nutzfahrzeug-Hersteller MAN verlagert Teile seiner Lkw-Produktion aus Bayern nach Polen. Der Autozulieferer Mahle schließt sein Werk in Neustadt an der Donau und verlegt die Klimaanlagen-Produktion in die Slowakei. Der Roboterbauer Kuka zieht einen Teil seiner Fertigung nach Ungarn um: Laut IG Metall sind das nur drei Beispiele, wie Bayerns Industriekonzerne in der Krise auf Personalabbau und Sparprogramme statt auf Investitionen und Innovationen setzen. „Dieser Befund ist ein Armutszeugnis für die bayerischen Unternehmen und ihre Manager“, kritisiert Horst Ott, Bezirksleiter der IG Metall in Bayern.
Werke verlieren Vorreiter-Funktion
Konkret gab bei einer Umfrage der Gewerkschaft unter 325 Betriebsräten aus der Metall- und Elektroindustrie jeder Zweite an, dass in seiner Firma in den vergangenen zwölf Monaten Produktionskapazitäten ins Ausland verlagert wurden. In der Autoindustrie war das sogar bei drei von vier Betrieben der Fall. Daneben werden zunehmend auch Wissensjobs in der Entwicklung abgebaut und ins Ausland verlegt, wie zwei von drei Unternehmen in der Autobranche berichteten. Laut IG Metall nimmt der Trend weiter an Fahrt auf. In sechs von zehn Autofirmen sind demnach bereits weitere konkrete Verlagerungspläne in Produktion und Entwicklung geplant.
Für Horst Ott stellt das eine neue Dimension bei den Sparmaßnahmen der Firmen dar. Aktuell sind rund 200.000 Menschen im Autobau in Bayern beschäftigt, weitere 150.000 bis 250.000 arbeiten bei Zulieferern und anderen nachgelagerten Betrieben. Die Sparpläne und Verlagerungen sind laut Ott Ausdruck von „Ideenlosigkeit statt Innovationskraft, Mutlosigkeit statt Investitionen, Rasenmäher-Methode statt Ausschöpfung vorhandener Potenziale“. Die Bilanz des Gewerkschafters: „Die Entscheider wirtschaften den Standort Bayern herunter.“
Besonders gefährlich ist laut Ott, dass bayerische Werke zunehmend ihre tragende Rolle in den oft welt- oder europaweiten Produktionsnetzwerken der Firmen verlieren würden. Hintergrund sei, dass immer mehr Entwicklungsstellen in Deutschland dem Rotstift zum Opfer fallen und auch der Anlauf neuer Modelle und Produkte sowie innovativer Fertigungstechniken statt in den Werken im Freistaat immer öfter im Ausland erfolge. So sehen sich nur noch vier von zehn Firmen in Bayerns Autoindustrie weiter als Leitwerke im Unternehmensnetzwerk, Tendenz fallend. Geht die Vorreiterrolle von Fabriken bei Entwicklung und Produktion verloren, könnten solche Standorte gerade in Deutschland wegen hoher Lohnkosten irgendwann komplett geschlossen werden, befürchten die Arbeitnehmervertreter.
Der Arbeitgeberverband vbm wies die Kritik zurück. „Wir wehren uns entschieden gegen den Vorwurf an die gesamte Unternehmerschaft im Freistaat, dass sie den Standort niederwirtschaften will“, sagt Hauptgeschäftsführer Bertram Brossardt. „Das ist falsch und zeigt eine in Schieflage geratene Wahrnehmung.“
Kein Lohnverzicht bei Tarifverhandlungen
Dass bayerische Industriebetriebe eine Zukunft haben, davon ist die IG Metall überzeugt. Die Gewerkschaft verweist auf die gute Ausbildung der Beschäftigten und die hohe Innovationskraft in den Betrieben. Bayerns Industrie verliere nicht wegen der Mitarbeiter an Wettbewerbsfähigkeit, betonte der IG-Metall-Bezirksleiter. Anstatt diese mit einer Attestpflicht ab dem ersten Krankentag „unter Generalverdacht“ zu stellen, solle die Politik lieber für bessere Rahmenbedingungen sorgen. So müsste Energie billiger und das Tempo bei Genehmigungen höher werden. Zudem dürften sich EU-Länder Fabriken mit Förderungen nicht gegenseitig abwerben.
Vor allem müsse die EU aber mit Local-Content-Regeln sicherstellen, dass die Kostennachteile europäischer Betriebe gegenüber subventionierten chinesischen Konkurrenten schrumpfen, so Ott. „Wenn bei BYD 10.000 Euro Subvention draufgelegt werden, kann man das nicht über geringere Löhne in Deutschland kompensieren“, sagte er. Mit Blick auf die Tarifverhandlungen im Herbst erteilte die IG Metall Forderungen nach unbezahlter Mehrarbeit oder einer Nullrunde bei den Löhnen eine Absage: „Lohnverzicht hat noch nie einen Arbeitsplatz gerettet.“