Boris Pistorius (r.) und Daniel Metzler. © Andreas Höß
Produktion bei Isar Aerospace: Das Start-up hat bereits fast 500 Mitarbeiter. Demnächst zieht es nach Parsdorf um und verzehnfacht dort die Produktionsfläche. © Marijan Murat/dpa
Ottobrunn – Fliegen demnächst tatsächlich Raketen von Isar Aerospace in den Orbit, könnte in einer ein Stück Boris Pistorius an Bord sein: Der SPD-Verteidigungsminister besuchte am Donnerstag die Raketenschmiede des Start-ups in Ottobrunn und signierte dort den Deckel eines Tanks. Zwischen Triebwerksteilen aus dem 3D-Drucker, Außenhüllen und selbst montierter Bordelektronik erklärte Isar-Aerospace-Gründer Daniel Metzler dem Minister, dass 90 Prozent der Wertschöpfung für die Raketen von den Münchnern komme. „Und das ist wichtig, weil wir damit keine Abhängigkeiten außerhalb der Nato haben.“
Das 2018 gegründete Start-up aus München, das schon bald in einer neuen Fabrik in Parsdorf 40 Raketen pro Jahr bauen will, könnte schon bald relevant für Deutschlands Sicherheit werden. Das zeigt der Besuch des Verteidigungsministers in Bayern. Satelliten sorgen längst nicht mehr nur für Live-TV und Navidaten rund um den Globus. Sie dienen auch dem Militär, etwa zur Aufklärung, Kommunikation und Zielerfassung. Ohne sie „sind wir auf dem Gefechtsfeld blind“, räumte Pistorius in Ottobrunn ein.
Rund 14.000 Satelliten schwirren laut Schätzungen durchs All. Deutschland gehört davon nicht einmal ein Prozent. Das hat weniger mit der Verfügbarkeit von Satelliten zu tun. Der Engpass sind die Raketenstarts, mit denen die Flugkörper ins All geschossen werden. Etwa 330 Starts gab es im Jahr 2025, allein Elon Musks Firma SpaceX schickte jeden zweiten Tag eine Trägerrakete in den Himmel. Europa war dagegen nur für acht Launches verantwortlich. Das wird zum Problem. Isar Aerospace will diese Lücke mit der Serienproduktion seiner Spectrum-Rakete füllen.
Richtig losgehen kann die Produktion aber erst, wenn eine Spectrum-Rakete den Orbit erreicht. Bei einem ersten Testflug von der norwegischen Insel Andøya aus zerschellte die 28 Meter hohe Spectrum nach 30 Sekunden im eiskalten Nordmeer, danach verhinderten undichte Ventile sowie ein Fischerboot im Startbereich weitere Versuche. Man sei nun aber „in den letzten Vorbereitungen“ für einen zweiten Start, sagte Metzler – wollte aber keinen genauen Termin nennen. Theoretisch gäbe es in Andøya ab der ersten Augustwoche wieder ein Zeitfenster.
Dass „die Verteidigung der freien Welt im Weltraum beginnt“, wie Metzler betonte, scheint auch die Bundesregierung längst zu wissen. Im März besuchte Pistorius bereits zusammen mit Kanzler Friedrich Merz die Startbasis von Isar Aerospace in Norwegen, berichtete der Verteidigungsminister in Ottobrunn. Dort habe es „tiefgehende Gespräche“ gegeben, sagte Metzler. Obwohl sein Unternehmen noch keinen erfolgreichen Start absolviert hat, sind alle möglichen Flüge bis 2029 laut Metzler ausgebucht. 70 Prozent der Anfragen sollen aus dem Militär kommen. Ob auch die Bundeswehr Auftraggeber der Münchner ist, sagten Pistorius und Metzler nicht.
Möglich könnte es sein. Insgesamt will der Bund nämlich in den kommenden Jahren 35 Milliarden Euro in die Raumfahrt investieren – eine riesige Summe. Doch Geld hilft wenig, wenn Raketen und vor allem Startplätze fehlen. „Deswegen denken wir über einen bundeswehreigenen Startplatz nach“, erklärte Pistorius im Ottobrunner Hangar. „Denn unsere nationale Sicherheit darf eben am Ende nicht im Stau kommerzieller Warteschlangen hängen bleiben.“ANDREAS HÖSS