Dürre bringt Ungarn Stromkrise

von Redaktion

Ungarn muss sein einziges Atomkraftwerk wegen niedriger Donaupegel herunterfahren. © Daniel Kiss/dpa

Budapest/Paks – Wegen des historisch niedrigen Wasserstands an der Donau schaltet Ungarn sein Atomkraftwerk Paks vollständig ab. Wie Ministerpräsident Peter Magyar bei Facebook mitteilte, sollte der letzte Reaktorblock in der Nacht zum Sonntag heruntergefahren werden, sodass das Kraftwerk erstmals seit 44 Jahren Betrieb komplett abgeschaltet sein wird.

Das AKW Paks mit seinen vier Reaktorblöcken liegt etwa 100 Kilometer südlich der Hauptstadt Budapest und bezieht sein Kühlwasser aus der Donau. Der Fluss hat an seinem Unterlauf stellenweise nur ein Drittel des durchschnittlich im Juli gemessenen Wasserstands.

Industrie wird gedrosselt

Zudem verfügte Magyar per Verordnung, dass die Stromversorgung für Großverbraucher in der Industrie eingestellt werden könne, falls diese „die von ihnen erwartete Verringerung des Verbrauchs nicht umsetzen“, schrieb der Regierungschef. Spätestens ab Montag könne es zu Engpässen bei der Stromversorgung kommen, hatte Magyar bereits am Donnerstag angekündigt. Dann würden 2000 Megawatt aus ungarischer Produktion ausfallen, während zugleich wegen der steigenden Hitze der Stromverbrauch der Privathaushalte und der öffentlichen Dienstleister steigen werde. Die Krisensituation könne wegen des erwarteten heißen Sommers noch Wochen andauern, sagte Magyar.

Mehrere Industrieunternehmen, darunter die Autobauer Mercedes und Suzuki, kündigten an, in ihren Produktionsstätten in Ungarn Strom zu sparen. Die Bevölkerung in Ungarn ist weiterhin aufgerufen, während der Spitzenverbrauchszeit zwischen 17 und 22 Uhr nicht zusätzlich Strom zu verbrauchen. An einem durchschnittlichen Sommerabend würden 6000 Megawatt Strom verbraucht, aufgrund der Hitze steige dieser Wert um 20 Prozent, erläuterte Magyar. Man setze nun die Stromreserven des Landes ein und kümmere sich um Importe. Laut der Terminbörse EEX hat Ungarn im August die teuersten Strompreise in ganz Europa – rund 192 Euro pro Megawattstunde. Zum Vergleich: In Deutschland sind es rund 130.

Auch in Rumänien und Frankreich wurden wegen der Hitze Atomreaktoren heruntergefahren. Die Hitze lässt auch hier die Strompreise steigen: Laut EEX kostete Strom in Rumänien gestern 176 Euro, in Frankreich 104. Die August-Hitze bringt damit einen Kostenschock: Der Jahresdurchschnitt für 2027 ist weit günstiger: In Ungarn sind es 125, in Deutschland 104, und in Frankreich 65 Euro pro Megawattstunde.

Dürre kann auch Sprit verteuern

Auch in Deutschland belastet Dürre die Wirtschaft: Nach Angaben der Bundesanstalt für Gewässerkunde (BfG) führen deutsche Flüsse derzeit an vielen Stellen Niedrigwasser. Regenschauer lassen die Wasserstände nur kurz steigen. „Insgesamt überwiegt die weiterhin sinkende Tendenz“, heißt es in einem Bericht. Laut dem Informationssystem Niwis wiesen am Freitag rund 44 Prozent der Messstellen im Rhein extrem niedriges Wasser aus, 16 Prozent in der Elbe und circa 78 Prozent der Donau-Messstellen. Niedrigwasserphasen sind Experten zufolge nicht ungewöhnlich, treten aber normalerweise erst im Spätsommer und Herbst auf. Wenig Regen und hohe Temperaturen lassen unter anderem Wasserstände sinken. Laut BfG führt der Klimawandel langfristig dazu, dass Niedrigwasserereignisse intensiver werden, weil mehr Wasser verdunstet.

„Die Lage ist ernst. Der Rhein ist eine zentrale Schlagader für den Güterverkehr in Deutschland“, sagt Thilo Schaefer vom Institut der Deutschen Wirtschaft (IW). Der Druck auf Straße und Schiene nehme zu, wobei nur begrenzt ausgewichen werden könne. Deshalb drohten Engpässe in Lieferketten. Betroffen sind Experten zufolge vor allem Branchen, die auf große Mengen an Rohstoffen und Vorprodukten angewiesen sind – etwa Chemie, Stahl und Mineralöl. „Dort lässt sich der Ausfall des Rheintransports kurzfristig nur sehr begrenzt kompensieren», sagt Schaefer.

Drei Verbände der Recycling- und Rohstoffwirtschaft warnen gemeinsam, die Versorgung der Stahlindustrie sei gefährdet. Binnenschiffe könnten nur noch ein Drittel bis die Hälfte der üblichen Ladung transportieren. Frachtkosten auf einzelnen Verbindungen hätten sich verdrei- bis vervierfacht. Der Geschäftsführer des Tankstellenverbands ZTG, Jürgen Ziegner, warnte jüngst im „Handelsblatt“ vor möglichen Engpässen in der Spritversorgung, sollten Wasserstände des Rheins an wichtigen Stellen weiter sinken. Sollte die Niedrigwassersituation länger anhalten, könnten Spritpreise vor allem im Süden steigen. DPA/MAS

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