Hamsterzellen gegen Alzheimer

von Redaktion

Roche entwickelt in Penzberg neues Medikament – Zulassung schon 2028 geplant

In Penzberg arbeiten 7900 Menschen bei Roche, dem zweitgrößten Pharmakonzern der Welt. Roche investiert hier Milliardensummen.

Voll gekapselte Fertigung: Hier arbeiten die Hamsterzellen bei mehr als 30 Grad. Sie haben den Bauplan für den jeweiligen Antikörper. © Johannes Ritter, Simone Hausladen/Roche (4)

Penzberg – Wie lässt sich Alzheimer stoppen? Mitten im Wald auf halbem Weg zwischen München und Alpen findet sich eine Antwort. Dafür nötig sind Milliardeninvestitionen, Pharmamanager, die es wissen wollen, dazu ein kleines Team mit einer großen Idee. Und sehr viele Hamsterzellen.

Alzheimer ist eine Form der Demenz. Die Ursache ist unklar. Die Deutsche Alzheimer-Gesellschaft schätzt, dass derzeit rund 1,2 Millionen Menschen erkrankt sind. Zu erkennen ist Alzheimer an Ablagerungen im Gehirn, der sogenannten Plaque. Sie bremst den Funk zwischen den Nervenzellen. Der Mensch vergisst.

Die gesamtwirtschaftlichen Schäden hierzulande schätzt das Deutsche Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen auf 83 Milliarden Euro, bis 2060 könnten es 193 Milliarden Euro sein. Viele Firmen forschen an Medikamenten, um die Symptome zu mildern. Roche setzt auf Hightech in der deutschen Provinz, in diesem Fall auf Penzberg, mit 7900 Beschäftigten einer der großen Standorte des zweitgrößten Pharmakonzerns der Welt.

Durchbruch im zweiten Anlauf

Es ist bereits der zweite Anlauf in Sachen Alzheimer. Schon einmal dachten die Roche-Experten, sie hätten ein passendes Medikament gefunden. Doch bei Patienten kam zu wenig Wirkstoff im Gehirn an. Er war schlicht zu groß, um die Blut-Hirn-Schranke zu passieren, einen wichtigen Schutzmechanismus des Körpers. Das Medikament scheiterte.

Ein teurer Rückschlag. Bis zu 13 Milliarden Euro kostet es, ein Arzneimittel von der Idee bis zur Marktreife zu bringen. Das Roche-Management entschied sich weiterzumachen, schließlich wirkte der Antikörper, der Kern des Medikaments, er musste nur ins Gehirn. 2008 begann ein sechsköpfiges Team um Jens Niewöhner damit, Wege durch die Blut-Hirn-Schranke zu suchen.

Der Durchbruch gelang gut sechs Jahre später. Wer genau die Idee hatte, weiß Niewöhner nicht mehr. „Es gab nicht den einen genialen Moment“, erinnert er sich, „es war eher eine Entwicklung.“ Die Lösung klingt im Nachhinein einfach. „Das Gehirn braucht enorm viele Nährstoffe“, sagt Niewöhner. „Spezielle Transporter in den Wänden der Blutgefäße ziehen diese aus dem Blut und schleusen sie durch die natürliche Barriere in die Gehirnflüssigkeit. Ein wichtiger Nährstoff ist Eisen.“ Was also, wenn der Wirkstoff den Transportern vorgaukelt, Eisen zu sein?

Was dann kommt, ist technisch aufwendig. „Wir haben an den bereits vorhandenen y-förmigen Antikörper ein weiteres Molekül angehängt, das an den Eisen-Transporter andockt“, erklärt Niewöhner. Das zusätzliche „Bein“ des Antikörper-Y nannten sie Brainshuttle, etwa Hirntransporter. Einmal im Gehirn angekommen, kann sich der erweiterte Wirkstoff, Trontinemab getauft, ungebremst verteilen und gezielt gegen die schädlichen Ablagerungen vorgehen.

„Der Alzheimer-Antikörper heftet sich wie ein Magnet an die Plaques“, beschreibt Niewöhner. „Dadurch lockt er die körpereigenen Fresszellen des Gehirns an, die die Ablagerungen dann abbauen und beseitigen. Das kann man in Tests sehen und verfolgen.“ Der Shuttle bringt Roche einen Vorteil gegenüber der Konkurrenz, deren Medikamente schon zugelassen sind, aber durch die Blut-Hirn-Schranke gebremst werden. Das neue Alzheimer-Medikament wird seit 2021 getestet, derzeit weltweit in der klinischen Phase III. Läuft sie erfolgreich, kann Roche die Zulassung beantragen. 2028 soll es so weit sein. Bisher sieht es Roche zufolge sehr gut aus.

Auch den Wirkstoff produzieren sie mit einem besonderen Verfahren in Penzberg. „Große Moleküle wie Antikörper lassen sich nicht chemisch herstellen“, sagt Thomas Maier, Leiter Wissenschaft und Technologie in der Pharmaproduktion. „Wir lassen uns bei der Produktion von lebenden Zellen helfen.“ Sie stammen von einem Hamster, der 1957 an der Universität Denver lebte. Weil sie so gut arbeiten, werden sie immer wieder vermehrt. Biotech-Firmen in aller Welt setzen sie ein. Wer in die Produktion will, muss sich bis auf die Unterwäsche ausziehen, bekommt Hose, T-Shirt, Kittel, Socken, Schuhe. Haarnetze und Kappe sind Pflicht. Es geht durch eine Schleuse. Dann Edelstahl überall – Rohre und große geschlossene Bottiche, eine voll gekapselte Fertigung. Hier arbeiten die Hamsterzellen bei mehr als 30 Grad. Bevor sie loslegen, pflanzen die Experten ihnen den Bauplan des jeweiligen Antikörpers ein.

Die Technologie kann noch mehr

Nach rund 70 Tagen sind die Zellen erschöpft. Jetzt wird gereinigt. Die Anlage filtert feste Zellteile heraus, entfernt fehlerhafte Antikörper, DNA-Reste, Viren. „Von 12.000 Litern Flüssigkeit bleiben bei Trontinemab am Ende etwa 300 Liter Wirkstofflösung übrig“, sagt Anke Heinichen, Maiers Stellvertreterin.

Das fertige Medikament stoppt die Krankheit, kann Alzheimer aber nicht heilen. Wichtig ist deshalb, früh zu erkennen, ob jemand erkrankt ist. Bisher waren dafür aufwendige, teure oder für Patienten unangenehme Verfahren nötig. In Penzberg haben sie auch einen günstigen und einfachen Bluttest entwickelt, der sicher nachweist, ob es Plaque gibt.

Für Roche bieten sich dank Niewöhners Team und dem patentierten Brainshuttle ganz neue Möglichkeiten. „Diese Technologie ist nicht auf Alzheimer beschränkt“, erklärt Niewöhner. „Da sie fast jeden Wirkstoff Huckepack ins Gehirn nehmen kann, hat sie das Potenzial, völlig neue Chancen für die Behandlung vieler anderer Nervenerkrankungen zu eröffnen.“BJÖRN HARTMANN

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