Auch Trachtenschneider oder Schreiner könnte eine Richtlinie treffen, die für die Massenfertigung gedacht ist. © Astrid Schmidhuber
München – Grundsätzlich sei die EU ja eine gute Sache, sagte Frank Hüpers, Chef der Handwerkskammer für München und Oberbayern, bei der halbjährlichen Konjunktur-Pressekonferenz der Kammer. Doch diese Maßnahme sei einfach nur ein „Beispiel für die Regulierungswut der Europäischen Kommission“: Die EU plant einen digitalen Produktpass. Mit einem QR-Code oder Chip sollen Hersteller für Kunden künftig ausweisen, aus welchen Materialien ein Produkt hergestellt ist, wer es geliefert hat, wie groß der CO2-Fußabdruck ist, wie lange das Produkt hält und mit welchen Ersatzteilen man es reparieren kann.
Gelten soll das nicht nur für Industrieware – sondern auch für handgefertigte Produkte wie maßgeschneiderte Trachten, Kleider und Anzüge oder für geschreinerte Einbauküchen und Bauernschränke. Handwerkerchef Hüpers ärgert sich nicht nur über den Zusatzaufwand für die Unternehmen, er sieht gerade kleine und traditionelle Betriebe bedroht. „Sie können sich vorstellen, was so eine QR-Code-Pflicht für einen Trachtenschneider in Benediktbeuern bedeutet, der nicht mal einen Computer hat“, sagte er.
Geplant ist der digitale Produktpass im Rahmen der Ökodesignverordnung der EU, die einen schonenderen Umgang mit Ressourcen erreichen will – grundsätzlich eine gute Sache, wie auch Hüpers findet. Kommen soll die Code-Pflicht noch dieses Jahr für Eisen und Stahl, 2027 soll ein delegierter Rechtsakt für Textilien und Elektrogeräte folgen, 2028 einer für Möbel und andere Produkte und ab 2030 ist eine branchenübergreifende Etablierung vorgesehen. Was einst bei industriell gefertigten Produkten wie Smartphones oder Ikea-Möbeln für mehr Transparenz sorgen sollte, trifft nun auch Schreiner oder Schneider.
Trotz Kritik aus dem Handwerk habe sich die EU nicht zu Ausnahmen für Kleinserien, Unikate und handgefertigte Produkte überreden lassen, berichtet Hüpers. Dabei seien die meist ressourcenschonend hergestellt. Zudem seien Kosten und Aufwand für Handwerker ungleich höher als für Konzerne, wenn sie selbst für Einzelstücke detailliert und digital Dinge wie Materialmix oder CO2-Fußabdruck nachweisen müssen. „Das macht die Produkte dann am Ende auch für Kunden teurer“, warnt Hüpers.
Neben diesem Aufreger hatte Hüpers aber auch Freudigeres zu berichten: Trotz schlechter Konjunkturlage (siehe Kasten) begeistern sich wieder mehr junge Menschen für Jobs im Handwerk. Bis Ende Juli wurden in Bayern demnach 17.800 neue Lehrverträge geschlossen – 7,4 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum und auch wieder mehr als in der Zeit vor der Corona-Pandemie. Zulauf gab es in fast allen Gewerken – von Bäckern über Metzger bis hin zu Schreinern, die in München gar nicht genug Ausbildungsplätze für die Bewerber bieten konnten. Die Handwerkskammer führt das große Interesse unter anderem auf erfolgreiche Imagekampagnen zurück, etwa Besuche an Schulen. Doch auch Künstliche Intelligenz (KI) spiele eine Rolle. „KI bedroht nun immer mehr akademische Jobs, was zu tiefer Verunsicherung führt“, so Hüpers. „Bei Handwerksberufen gibt es diese Bedrohung nicht.“
Ob sich auch die Bedrohung für das Handwerk durch den digitalen Produktpass doch noch in Luft auflöst? Die Handwerkskammer hofft es jedenfalls. Momentan können noch Stellungnahmen zur konkreten Ausgestaltung der QR-Code-Pflicht abgegeben werden, heißt es dort. Die Handwerkskammer wolle bei Vertretern der EU-Kommission und des EU-Parlaments weiter darauf dringen, dass Bayerns Schneider und Schreiner künftig keine Codes oder Chips mit Lieferketten- und Emissionsnachweisen in Dirndl oder Küchen einarbeiten müssen.