Bei Babboe-Lastenrädern gab es 2024 einen riesigen Rückruf wegen instabiler Rahmen. Das Problem trug zur Schieflage des Gesamtkonzerns bei. © IMAGO/Michael Gstettenbauer
Heerenveen – Die 1887 gegründete britische Traditionsfirma Raleigh, von der unter anderem das Bonanzarad stammt, der über 80 Jahre alte französische Rennrad- und Mountainbikehersteller Lapierre oder der niederländische Lastenradbauer Babboe: Der Accell-Konzern vereint viele Marken unter einem Dach und ist laut eigenen Angaben der größte Lieferant von E-Bikes und einer der größten von Radkomponenten in Europa. Nun hat der Branchenriese Insolvenz angemeldet. Das reißt auch Haibike, Ghost und Winora aus Bayern, die ebenfalls zum Konzern gehören, mit in den Abgrund.
Die Pleite des Radgiganten ist ein Schock für die gesamte Branche. Zuletzt hat es mit Simplon aus Österreich oder dem bayerischen Mountainbike-Produzenten YT erste prominente Insolvenzen gegeben. Doch Accell ist mit Abstand der größte Fall. In der Corona-Zeit, als der Radsport einen riesigen Boom erlebte, bauten viele Hersteller ihre Kapazitäten aus. Kurz darauf sank aber die Nachfrage wieder. Darunter leidet auch Accell. Noch 2022 verkaufte der damals gerade von der Beteiligungsfirma KKR geschluckte Konzern 845.000 Räder pro Jahr. 2023 stapelten sich aber schon 340.000 fertige Räder im Lager des Unternehmens, die zu Schleuderpreisen abverkauft werden mussten. Gleichzeitig türmten sich die Schulden auf 1,4 Milliarden Euro. Ein riesiger Rückruf und zeitweiser Verkaufsstopp bei den Lastenrädern von Babboe verschärften die Situation weiter. Auch ein Schuldenschnitt rettete das Unternehmen nicht. Vor wenigen Wochen scheiterte dann auf der Zielgeraden ein geplanter Verkauf von Accell an Dutech aus Singapur.
Nun hat Accell in den Niederlanden Insolvenz angemeldet. Das sei eine „sehr traurige und frustrierende Situation“, sagte Konzernchef Jonas Nielsson. Man habe alle Optionen ausgelotet, aber keine habe sich als tragfähig erwiesen, um „die Gruppe in ihrer heutigen Form fortzuführen“. In der Folge stellten auch die deutschen Tochtergesellschaften Accell Germany, Winora Staiger, Ghost-Bikes, Haibikes und der Teilegroßhändler Engelbert Wiener Bike Parts Insolvenzanträge in Eigenverwaltung. An den bayerischen Standorten in Schweinfurt und Waldsassen in der Oberpfalz arbeiten etwa 370 Mitarbeiter. Laut Branchenmagazinen sollen die deutschen Töchter aus dem Gesamtkonzern herausgelöst und an einen Investor verkauft werden. Wie der Bayerische Rundfunk berichtet, soll es erste konkrete Interessenten geben.
Noch ist schwer abzuschätzen, was die Pleite für Kunden sowie für Fahrradhändler, die Räder der betroffenen Marken verkaufen, konkret bedeutet. „Wir wissen selbst nicht, wie es weitergeht“, heißt es bei einem Münchner Radladen. „Im Moment erreichen wir auch niemanden bei Accell.“ Rechnungen müssten seit Kurzem über eine niederländische Bank abgewickelt werden, so der betreffende Händler. Garantiefälle würden allerdings weiter wie bisher an Accell geschickt.
Bei Accell verweist man auf das noch frische Verfahren und bittet um einige Tage Geduld. Das Tagesgeschäft solle „weitestgehend uneingeschränkt fortgeführt werden“, beteuerte ein Sprecher des Insolvenzverwalters gegenüber unserer Zeitung. „Sobald die notwendige Umstellung auf Fortführung der Unternehmen in der Insolvenz abgeschlossen ist, werden wir Händler, Kunden und Lieferanten über Ausgestaltung der Fortführung der Geschäftsbetriebe informieren.“