In der Halle hängen die Flaggen der EU, Deutschlands, der Firma Stark, der Ukraine und der Nato. © Stark Defence
Wie am Fließband montieren Mitarbeiter Flügel, Motoren und Sensoren an die Drohnen. Ihre Gefechtsköpfe können Panzerstahl durchschlagen. © Stark Defence
München – Eine Fabrikhalle in einem Gewerbegebiet im Münchner Westen. Nicht einmal Google Maps kennt ihren genauen Standort, auch ein Firmenschild gibt es hier nicht. Nur Stacheldraht, Kameras und Sichtschutz lassen erahnen, dass hier etwas Geheimes passiert. Und das tut es auch. Innen hängen die Flaggen Deutschlands, der EU, der Ukraine und des Verteidigungsbündnisses Nato an der Wand. Darunter fertigen dutzende Mitarbeiter Kamikaze-Drohnen. Wie an einem Fließband werden Flügel angebracht, Rotoren verbaut, Motoren montiert und Kameras oder Sensoren installiert. Das Endprodukt: eine mannshohe Drohne mit dem Namen Virtus, zu Deutsch etwa Tapferkeit. Klappt alles wie geplant, laufen hier bald hunderte Drohnen pro Monat vom Band.
Die geheime Drohnenfabrik gehört dem Berliner Start-up Stark Defence und ist etwa 3000 Quadratmeter groß. Die Produktion wird gerade richtig hochgefahren, künftig sollen hier rund 300 Menschen arbeiten. Die Virtus-Drohnen kosten je nach Gefechtskopf zwischen 80.000 und 100.000 Euro und können ohne großen Aufbau senkrecht starten. Sie fliegen über 130 Kilometer weit, explodieren am Ziel und durchschlagen Panzerstahl. „Was Cost per Kill angeht, ist Virtus sehr effizient“, sagt Martin Rost, der das operative Geschäft bei Stark leitet. „Ein oder zwei Drohnen können einen Panzer im Gegenwert von vielen Millionen Euro zerstören.“
„Cost per Kill“ als wichtigste Währung
Cost per Kill: Damit misst man, wie viel Geld eine Tötung auf dem Schlachtfeld kostet. Vor allem im Zuge des Ukraine-Krieges hat diese Maßeinheit an Bedeutung gewonnen. Dort hat sich schnell gezeigt, dass es in modernen Kriegen längst nicht mehr nur auf riesige Armeen, schnelle Jets, mächtige Panzer und gigantische Schiffe ankommt. Die Ukraine macht seit vier Jahren vor, wie man sich mit günstigen Drohnen, Laptops und Künstlicher Intelligenz (KI) selbst gegen einen scheinbar übermächtigen Feind hartnäckig wehren kann. Kein Wunder also, dass die Bundeswehr und andere Armeen rund um den Globus seither fieberhaft an der Aufrüstung mit solchen Systemen arbeiten.
Jungen Drohnenschmieden wie Stark, Helsing oder Quantum Systems beschert das gute Geschäfte. Stark wurde 2024 gegründet, hat bereits 700 Mitarbeiter und soll über drei Milliarden Euro wert sein. Das Start-up sammelte erst vor wenigen Wochen weitere 500 Millionen Euro ein. Zu den prominenten Investoren gehören ein Fonds für Risikokapital der Nato und der umstrittene US-Milliardär, Trump-Unterstützer und Paypal- sowie Palantir-Gründer Peter Thiel. Ihm gehören allerdings weniger als fünf Prozent der Anteile. Neben Virtus arbeitet Stark an weiteren Kampfsystemen, etwa kleineren Drohnen für den Nahbereich oder einem autonomen Boot. Auch Laser, mit denen man angreifende Drohnen vom Himmel holen kann, entwickeln die Berliner.
Die Waffensysteme von Stark einen zwei Dinge: Zum einen werden sie weitgehend aus frei im Internet verfügbaren Teilen wie Kameras, Sensoren oder E-Motoren zusammengebaut. Das meiste stammt von Anbietern aus Europa, die oft auch für den zivilen Sektor arbeiten. Zum anderen werden alle Systeme von einer KI gesteuert, die Minerva heißt. Sie erfasst selbstständig Ziele. Die Nutzer müssen dann nur noch auswählen, mit welchem System sie attackieren wollen. Nach dem Start steuert die KI die Drohnen autonom ins Ziel – auch dann, wenn sie wegen feindlicher Störsignale von GPS und Internet abgeschnitten sind. „Dennoch trifft am Ende immer der Mensch die Entscheidung, ob und was angegriffen wird“, beteuert Martin Rost von Stark. „Die KI kann jedoch Angriffe, die von menschlichen Operatoren befohlen wurden, selbstständig abbrechen. Etwa dann, wenn sie im letzten Moment erkennt, dass sie auf ein ziviles statt auf ein militärisches Ziel zusteuert oder irrtümlich einen Baum für Artillerie gehalten hat.“
Die KI wird auf dem Schlachtfeld trainiert
Trainiert wird die KI mit realen Daten vom Schlachtfeld. Neben der Fabrik in München und kleineren Produktionen in Großbritannien und Griechenland hat Stark auch einen Standort in der Ukraine, wo Krieg herrscht. Die Drohne ist bereits im Kampfeinsatz. Das liefert wertvolle Erkenntnisse. Im September soll das System für die Bundeswehr und für andere Nato-Staaten zertifiziert werden. Das ist die Voraussetzung für einen Großauftrag der Bundeswehr, den Stark im Februar erhalten hat. In einer ersten Runde sollen 2200 Drohnen für 270 Millionen Euro bis zum Jahr 2028 an die Brigade Litauen der Bundeswehr geliefert werden, welche die Ostflanke der Nato sichert. Auch Helsing und Rheinmetall haben vergleichbare Aufträge.
„Wir sind zuversichtlich, dass mit der Zertifizierung alles klappt“, sagt Stark-Vorstand Martin Rost. Gestartet hat er seine Karriere beim Onlinehändler Zalando. Ob er keine Probleme damit hat, jetzt Kamikaze-Drohnen statt Schuhe zu verkaufen? „Wenn man nur einmal einen Luftangriff erlebt hat, versteht man, warum sich die Ukrainer so vehement verteidigen“, erklärt Rost, der schon öfter im Kriegsgebiet war. „Ich habe riesigen Respekt vor dieser Widerstandsfähigkeit.“