INTERVIEW

„Was China will, kann China auch“

von Redaktion

Der Chef der Schreiner Group über Hightech-Aufkleber und Pläne in Fernost

Im Portfolio: Klebekennzeichen an E-Scootern.

Roland Schreiner und eine Auswahl von Produkten, darunter zum Beispiel Pickerl für die Schweiz. © Marcus Schlaf

Produktion von Hightech-Etiketten bei der Schreiner Group am Heimatstandort. Hier werden die Innovationen entwickelt. © SCHREINER GROUP (2)

Oberschleißheim – Die Schreiner Group aus Oberschleißheim gilt als Hidden Champion: Mit der Herstellung von Spezialetiketten und selbstklebenden Teilen macht das Unternehmen jedes Jahr Umsätze in einer dreistelligen Millionenhöhe. Rund 1300 Mitarbeiter beschäftigt der Mittelständler. Sechs Prozent des Jahresumsatzes erwirtschaftet die Schreiner Group in China – dort will das Unternehmen aber kräftig wachsen. Im Interview erklärt Firmenchef Roland Schreiner, warum die Standorte Oberschleißheim (Landkreis München) und Dorfen (Landkreis Erding) trotz der Expansion in China Dreh- und Angelpunkt der Firma bleiben sollen – er hier aber trotzdem am Personal spart.

Die Schreiner Group stellt unter anderem Autobahn-Vignetten her. Ärgert Sie, dass immer mehr Autofahrer ihr Pickerl online kaufen?

Das österreichische Pickerl haben wir viele Jahre hergestellt, aktuell produzieren wir aber nur noch die Schweizer Vignette. Das war immer ein schöner Umsatz für uns. Daher bedauere ich es natürlich sehr, wenn sich das elektronische Verfahren mehr und mehr durchsetzt.

Womit machen Sie aktuell Ihren Hauptumsatz?

Als Zulieferer für die Pharmabranche. Hier geht es um spezielle Selbstklebeprodukte. Das sind beispielsweise Etiketten für Ampullen, in denen ein RFID-Chip als Fälschungsschutz integriert ist. Ein weiteres wichtiges Produkt ist Needle-Trap, ein Etikett mit integriertem Nadelfänger. Das Etikett wird auf Spritzen geklebt, wie man sie von einer Impfung kennt. Wir haben es erfunden, patentieren lassen und seitdem über 1,5 Milliarden davon verkauft. Die Nadel lässt sich nach der Benutzung berührungslos in ein Kunststoffteil einklicken.

Wie erklärt sich die hohe Nachfrage?

Als wir das Produkt eingeführt haben, gab es allein in Deutschland jedes Jahr über 500.000 Nadelstichverletzungen. Nicht nur beim Arzt, auch bei der Entsorgung der Müllbeutel konnte es zu Stichverletzungen kommen – das Infektionsrisiko ist dabei hoch. Jetzt lässt sich das verhindern.

Wie viel Umsatz haben Sie mit dem Verkauf Ihrer Produkte im vergangenen Jahr erwirtschaftet?

Über alle Geschäftsbereiche hinweg konnten wir 2025 den Umsatz auf 220 Millionen Euro steigern.

Haben die Zölle von US-Präsident Donald Trump Ihren Umsatz negativ beeinflusst?

Natürlich. Die Zölle haben nahezu die gesamte Weltwirtschaft betroffen. Für uns hatte eine weitere Trump-Maßnahme eine stärkere Auswirkung: Seine Forderung nach drastisch niedrigeren Medikamentenpreisen in den USA hat die Pharmaindustrie und damit unsere Kunden stark unter Druck gesetzt.

Das heißt, in diesem Jahr erwarten Sie wegen Trump weniger Umsatz?

Wir freuen uns, dass wir trotz der schwierigen Rahmenbedingungen mit einem leichten Umsatzwachstum planen können und das voraussichtlich auch erreichen. Generell spüren wir aber in den meisten Industrien weltweit eine schwache Konjunktur – selbst China schwächelt.

Trotzdem wollen Sie ausgerechnet in China Ihr Geschäft ausbauen. Wie passt das zusammen?

Bei Investitionen reden wir von sehr langfristigen Entscheidungen. 2016 haben wir uns entschieden, in China vor Ort zu produzieren. Wir glauben an China, der langfristige Trend geht klar nach oben.

Was ist in China Ihr wichtigstes Geschäft?

Bisher ist es klar der Automotive-Bereich. Dazu muss man wissen: Mit ganz normalen einfachen Etiketten gewinnen wir in China keinen Preis, da hat niemand auf uns gewartet. Wir punkten mit innovativen Selbstklebeprodukten, die ein Alleinstellungsmerkmal haben.

Wie muss man sich das vorstellen?

In einem Auto werden bis zu 300 Teile verbaut, die mit Selbstklebeprodukten versehen sind. Das Auto ist aber ein unwirtlicher Lebensraum: Wir haben es mit extremer Hitze, extremer Kälte und schnellen Temperaturwechseln zu tun. Elektronische Bauteile benötigen unter anderem Schutz vor Ölen, Säuren, Staub und Wasser. Und die Klebeprodukte müssen viele Jahre halten.

Am Ende sehen manche Ihrer Produkte trotzdem aus wie Klebeetiketten aus dem Schreibwarenladen.

Auf den ersten Blick ja, aber bei genauerer Betrachtung steckt viel Hightech in unseren Produkten. Mit ihnen sind wir in China schon ein anerkannter Partner in der Automobilindustrie. Diese Erfolgsgeschichte wollen wir jetzt in der Pharmaindustrie fortschreiben.

Ist es nicht eine Frage der Zeit, bis China seine Hightech-Labels selbst produziert?

Alles, was China will, kann China auch machen. Allerdings ist unsere Industrie weniger im Fokus der Regierung. Wir machen kleine, günstige, unscheinbare Produkte. Chinas Strategie konzentriert sich auf Schlüsseltechnologien wie Halbleiter, künstliche Intelligenz, Elektromobilität, Luft- und Raumfahrt sowie Bio- und Medizintechnik.

Was heißt das Engagement dort für die deutschen Standorte in Oberschleißheim und Dorfen?

Die deutschen Standorte bleiben sehr wichtig für uns. Wir machen in Deutschland und Europa nicht nur den meisten Umsatz, hier entwickeln wir auch alle zentralen Innovationen, Technologien, Strategien und Prozesse für den weltweiten Erfolg.

Aber ausgerechnet die Autoindustrie, die Sie auch beliefern, steckt in Deutschland in einer tiefen Krise. Bauen Sie wie die anderen Zulieferer Stellen ab?

Wir haben tatsächlich einen Rückgang bei der Belegschaft, aber wir machen das, wie in Familienunternehmen typisch, indem wir die natürliche Fluktuation nutzen.

Das heißt, alte Stellen werden nicht nachbesetzt?

Genau. Gleichzeitig stellen wir trotzdem nach wie vor neu ein – aber die Zahl der Abgänge ist aktuell höher als die Zahl der Zugänge. Innerhalb eines Jahres ist die Zahl der Beschäftigten bei uns um vier bis fünf Prozent zurückgegangen.

Wird der Stellenabbau in diesem Tempo weitergehen?

Das halte ich momentan für unwahrscheinlich, da es eine unserer Unternehmensphilosophien ist, aus Krisen Chancen zu machen.

Wo sehen Sie weiteres Wachstumspotenzial?

Ganz klar in der RFID-Technik. Unsere intelligenten Etiketten geben Produkten eine digitale Identität – so lassen sich beispielsweise Medikamente, Bauteile oder Transportbehälter jederzeit eindeutig erkennen und nachverfolgen. Gerade in der Pharmaindustrie, der Logistik und der industriellen Fertigung sehen wir enormes Wachstumspotenzial.

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