München – Diesel-Preise zwischen 2,10 und 2,40 Euro und 2 Euro bis 2,30 Euro für Super E10: Tanken ist schon seit Monaten wieder extrem teuer. Doch wer profitiert davon? Tankstellen? Ölkonzerne? Raffinerien?
Rohöl wird in der Nordsee, Kasachstan, Libyen oder den USA gefördert, per Schiff oder Pipeline zu Raffinerien transportiert. Es wird in Benzin oder Diesel umgewandelt, zwischengelagert, auf Binnenschiffe verfrachtet und per Lkw an Tankstellen geliefert. Der Transport macht nur einen Bruchteil des Endpreises aus, der hängt mehr am Weltmarktpreis: Rohöl, Diesel und Benzin werden weltweit gehandelt. Christian Küchen, Hauptgeschäftsführer beim Mineralölverband EN2X, erklärt: „Durch die Iran-Krise und den Ukraine-Krieg ist das Rohölangebot gesunken, während die Nachfrage in etwa gleich hoch blieb. Dadurch ist der Ölpreis gestiegen.“
Russland etwa fällt wegen der Sanktionen als Lieferant aus, Öl aus Nahost ist in der Straße von Hormus blockiert. Gleichzeitig fielen dort Raffinerie-Kapazitäten, sagt Küchen. „Das führt dazu, dass sich die Produktpreise zusätzlich vom Rohölpreis entkoppelt haben.“ Das bedeutet: Auch wenn der Rohölpreis sinkt, sind Benzin und Diesel möglicherweise immer noch teurer. Beim Benzin ist es noch recht einfach. „Es wird vor allem im Verkehrssektor eingesetzt“, sagt ADAC-Experte Laberer. „Diesel wird dagegen auch außerhalb des Verkehrs genutzt, etwa in der Industrie und zur Energieerzeugung.“ Das bedeutet mehr Wettbewerb.
Bis vor einigen Jahren hatten die großen Konzerne wie BP, Exxon und Shell meist alles in einer Hand: Förderung, Raffineriegeschäft, Tankstellen. Und verdienten auf jeder Stufe Geld. Doch inzwischen haben sich einige Mineralölkonzerne von Raffinerien getrennt, von ihren Tankstellen oder von beidem. Gute Gewinne machen sie trotzdem: Shell verdreifachte seinen Gewinn im zweiten Quartal zum Beispiel, Exxon Mobil verdoppelte ihn, bei Chevron verfünffachte er sich.
In Deutschland gab es Ende 2015 rund 14.000 Tankstellen. Das größte Netz betreibt BP mit gut 2250 Aral-Tankstellen. Shell verfügt über rund 1900. Nummer drei ist Total Energies mit 1140 Standorten, knapp vor Esso mit rund 1100. Es gibt noch zahlreiche andere große Ketten wie Avia und Jet oder Hem sowie 2800 freie Tankstellen, die sich in der Regel über langfristige Lieferverträge mit Kraftstoff bei den großen Raffinerieanbietern eindecken. Der Betreiber oder Pächter einer Tankstelle hat meist keinen Einfluss darauf, was der Sprit kostet. Die großen Ketten steuern die Preise zentral, orientieren sich an den Preisen der Konkurrenz, die zentral einsehbar sind. Denn die Spritpreise müssen seit 2013 dem Bundeskartellamt gemeldet werden, das die Daten verfügbar macht.
„Tankstellenbetreiber oder -pächter verdienen am Kraftstoffverkauf meist nur etwa ein bis zwei Cent pro Liter Kraftstoff“, sagt Christian Laberer, Kraftstoffmarkt-Experte beim ADAC. „Der Durchschnitt vom Tankstellenpächter bis hin zu Eigenbetrieben der freien Tankstellen macht nur etwa 35 Prozent des Nettoumsatzes mit Kraftstoff“, sagt Daniel Kaddik, Hauptgeschäftsführer des Verbands BFT, in dem die freien Tankstellen organisiert sind. „Verdient wird vor allem mit Shop, Bistro und Service.“ Doch auch dort läuft es nicht mehr rund. „Das Zusatzgeschäft etwa im Shop ist seit April vor allem am Mittag um durchschnittlich 50 Prozent eingebrochen“, sagt Kaddik.
„Die größeren Margen entstehen eher auf den vorgelagerten Stufen der Wertschöpfungskette, etwa bei Raffinerien und im Kraftstoffgroßhandel“, sagt ADAC-Experte Laberer. Die größten Raffineriebetreiber in Deutschland sind Shell und der US-Mischkonzern Klesch, der gerade eine Anlage von BP gekauft hat, sowie Total Energies. Profitieren sie also in Deutschland am meisten vom teuren Sprit? Unklar, weil der Markt undurchsichtig ist. Das Bundeskartellamt verlangt nur Auskunft der Raffinerien über die Produktionskosten. Zwei wehren sich dagegen vor Gericht.
Ganz am Ende kassiert vor allem einer: der deutsche Staat. Mehr als die Hälfte des Endpreises für einen Liter Diesel oder Benzin sind Steuern und Abgaben: Energiesteuer, CO2-Preis, Beitrag zur Treibhausgasminderung. Und auf alles kommt noch die Mehrwertsteuer.