Kanadier kaufen jetzt kanadisch

von Redaktion

Streit unter Nachbarn: Kanada rückt zusammen. © Jonathan Hayward/dpa

Montréal – Die jüngste Eskalation im Handelsstreit mit den USA löst im nördlichen Nachbarland eine Welle patriotischer Gefühle aus – auch an den Ladentheken. „Zölle schaden unserer Wirtschaft, aber sie zwingen uns dazu, kanadische Produkte zu kaufen“, sagt der 61-jährige Philippe Méranger, als er in der Millionenmetropole Montréal mit lokalen Produkten unter dem Arm einen Supermarkt verlässt. „Und damit bin ich komplett einverstanden“, fügt er hinzu.

Angeheizt werden Bestrebungen, US-Produkten verstärkt die rote Karte zu zeigen, auch von der kanadischen Regierung selbst: „Es ist gut, sich daran zu erinnern, dass die größte Macht, die wir alle haben, unsere eigene Kaufkraft ist“, sagte Finanzminister François-Philippe Champagne am vergangenen Dienstag bei der Vorstellung der kanadischen Gegenmaßnahmen auf die jüngste Zolloffensive der US-Regierung von Präsident Donald Trump. „Wir können uns entscheiden, kanadische Produkte zu kaufen – und wir müssen uns dafür entscheiden.“

„Wenn Sie sich für ein kanadisches Produkt entscheiden, üben Sie nicht nur Druck auf die Vereinigten Staaten aus, sondern sichern auch Arbeitsplätze“, pflichtete Kanadas Industrieministerin Mélanie Joly mit Blick auf den heimischen Jobmarkt bei. Eine massive Boykottbewegung gegen US-Produkte hatte es bereits nach den ersten Zollankündigungen Trumps im vergangenen Jahr gegeben. US-Spirituosen und -Ketchup wurden aus Regalen verbannt.

Das Kräftemessen der beiden Nachbarländer, die eine tausende Kilometer lange Grenze verbindet, hat dabei durchaus etwas von einem Kampf David gegen Goliath: Mit einem Bruttoinlandsprodukt von mehr als 30 Billionen Dollar sind die USA die mit Abstand größte Volkswirtschaft der Welt – rund 13-mal größer als die kanadische Wirtschaft.

Diese ist außerdem in erheblich größerem Umfang vom Handel mit dem südlichen Nachbarn abhängig. Exporte in die USA machen rund ein Viertel von Kanadas Bruttoinlandsprodukt aus, gibt Experte Christian Lawrence von der Rabobank zu dem „ungleichen Kampf“ zu bedenken. Wirtschaftswissenschaftler Trevor Tombe von der Universität Calgary schätzt gar, das fast 90.000 kanadische Arbeitsplätze durch die neuen US-Zölle gefährdet sein könnten.

Finanzminister Champagne hat diesbezüglich allerdings bereits betont, dass Arbeitnehmer und Unternehmen so lange wie nötig unterstützt werden könnten – unter Verweis auf die gute Bonität Kanadas und die „Haushaltsdisziplin“ der Regierung.

Außerdem treffen die Handelsstreitigkeiten auch die USA selbst, nicht zuletzt die Tourismusbranche, die im vergangenen Jahr einen Rückgang kanadischer Besucher um gut 25 Prozent verzeichnete. In New York gibt es bereits Kampagnen („New York Loves Canada“) mit Rabatten für kanadische Touristen.

Derweil kennzeichnen immer mehr Geschäfte der kanadischen Metropole Produkte mit Etiketten, auf denen das Ahornblatt der kanadischen Flagge zu sehen ist. Und Mitarbeiter einer Filiale der Einzelhandelskette Canadian Tire zeigen sich gar in einheitlichen T-Shirts mit dem Spruch: „Wir spielen alle für Kanada.“

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