Die Zeit fossiler Energien wie Gas soll im Zeichen des Klimaschutzes absehbar vorbei sein. Alternative in Städten sind Fernwärme und Wärmepumpen. © Daniel Reinhardt/dpa
Mannheim – Wie werden wir in Zukunft heizen? Ein Blick nach Mannheim könnte helfen. Die Stadt gilt als Vorreiter beim Umbau der Wärmeversorgung und will auf lange Sicht das Gasnetz abschalten. Wie Wohnungen dann warm werden sollen, erklärt die zuständige Managerin bei MVV Energie Alexandra Halkenhäuser im Interview.
Frau Halkenhäuser, darf ein Energiekonzern ein Gasnetz abschalten – so wie Sie das derzeit für Mannheim planen?
Wir werden das Gasnetz nicht einfach abschalten. Das dürfen wir auch gar nicht. Aber wir setzen in Mannheim für die Zukunft auf die klimafreundlicheren, wirtschaftlicheren Alternativen, auf Wärmepumpen und grüne Fernwärme. Es ist wichtig, den Bürgerinnen und Bürgern das auch offen zu sagen.
Sie regieren damit in den Heizungskeller hinein, das ist alles andere als technologieoffen, wie es die schwarz-rote Koalition im Bund verspricht.
Technologieoffenheit geht aber nicht zwangsläufig mit Klimaschutz und Wirtschaftlichkeit einher. Deutschland will klimaneutral werden. Das ist mit Gasheizungen nicht zu schaffen.
Der Bund sieht das anders. Er hat sich mit dem neuen Gebäudemodernisierungsgesetz gegen ein Verbot entschieden, schreibt dafür aber einen wachsenden Anteil grüner Heizstoffe für neue Gas- und auch Ölheizungen vor.
Es wird aber nicht genug dieser Brennstoffe geben. Biogas und grüner Wasserstoff sind knapp, teuer und für die Industrie nötig. Die Stahlindustrie, andere energieintensive Firmen haben keine anderen klimaneutralen Alternativen. Das ist beim Heizen anders.
Was ist mit denen, die sich gerade erst eine Gasheizung angeschafft haben?
Das Gros der Kunden schwenkt doch längst um, hat die Scheu vor den Wärmepumpen verloren. 2025 waren sie erstmals die meistverkaufte Heiztechnik, Öl- und Gasheizungen verlieren stark an Bedeutung. Das Gasnetz wird auf lange Sicht nicht mehr gebraucht. Da muss sich ein Unternehmen, aber auch eine Volkswirtschaft überlegen: Ist es sinnvoll, in eine Infrastruktur zu investieren, die in weiten Teilen nicht mehr benötigt wird. Aus unserer Sicht und der vieler anderer Experten: nein.
Sollten das nicht die Bürger selbst entscheiden?
Keiner will jetzt funktionierende Heizungen herausreißen. Aber Europa hat die geopolitischen Risiken seiner Abhängigkeit von fossilen Energien aus anderen Ländern längst zu spüren bekommen. Da ist es doch besser, auf Energien aus der Region zu setzen, so wie wir und andere Städte das nun planen.
Ihr Plan genau?
Wir bauen die Fernwärme weiter aus. Heute decken wir damit 60 Prozent des Bedarfs in Mannheim, in Zukunft sollen es 75 Prozent sein…
… die eigene Heizung kann dann weg. Gut 90 Grad heißes Wasser wird zentral erzeugt und über gedämmte Rohrleitungen ins Haus geleitet…
2030 soll diese Fernwärme komplett grün sein durch einen Mix aus klimafreundlichen Technologien: Abwärme, die bei der Müllverbrennung oder in der Industrie entsteht, ein Biomassekraftwerk, dazu Geothermie, also Erdwärme aus der Tiefe, und Flusswärme.
Flusswärme?
Das Prinzip ist simpel, genau wie bei einer Wärmepumpe. Die Flusswärmepumpe nutzt die Wärme, die auch bei niedrigen Temperaturen im Wasser des Rheins steckt. Das Wasser wird in das Innere der Anlage gepumpt. Über einen Wärmetauscher entzieht ein Kältemittel diesem Wasser Wärme und verdampft. Das dabei entstehende Gas wird zusammengepresst, heizt sich dadurch auf und gibt seine Wärme über einen weiteren Wärmetauscher an das Fernwärmenetz ab. Das leicht abgekühlte Wasser fließt anschließend zurück in den Rhein.
Warum gibt es sie dann nicht viel öfter in Deutschland?
Mannheim ist sicherlich Vorreiter, aber da tut sich in Deutschland gerade sehr viel. Wir haben seit drei Jahren eine erste Flusswärmepumpe mit 20 Megawatt Leistung am Netz, damit lassen sich 3500 Haushalte versorgen. In zwei Jahren kommt die zweite, aktuell weltweit größte Flusswärmepumpe hinzu. Sie hat 165 Megawatt Leistung, das reicht rechnerisch für 40.000 Haushalte. Dafür investieren wir rund 200 Millionen, ein Drittel kommt aus Fördermitteln von Bund und EU. 2029 soll die dritte Anlage ans Netz.
Was heißt das alles für die Heizungskeller?
Wer heute über einen Heizungstausch nachdenkt, sollte sich unbedingt umfassend und unabhängig beraten lassen, um am Ende keine unnötigen Kosten tragen zu müssen. In Mannheim setzen wir auf Fernwärme und Wärmepumpen. Es gibt aber keine Anschlusspflicht bei der Fernwärme.
Sondern?
Beratungsangebote. Wir haben gemeinsam mit der Stadt, den Handwerkerinnungen und anderen eine Wärmewende-Akademie, ein Schulungszentrum für Handwerker, gegründet. Sie sind ja diejenigen, auf die die meisten hören, wenn es um eine neue Heizung geht.
Der grobe Rat?
Vor allem in dicht bebauten Stadtteilen wird für die Hauseigentümer die Fernwärme interessant, in den lockerer bebauten Stadtteilen, etwa am Stadtrand, sind Wärmepumpen die beste Lösung. Das geht in den meisten Bestandsgebäuden ohne große Umbauten.