INTERVIEW

1000 Lehrlinge für die Infrastruktur

von Redaktion

Bahn-Vorstand Martin Seiler über Neueinstellungen und Jobs, die wegfallen

Bodycam bei einem Mitarbeiter der DB Sicherheit. © Horst Galuschka, Imago

Bahn-Personalvorstand Martin Seiler (rechts) im Gespräch mit Redakteur Sebastian Hölzle (links). © Oliver Bodmer

Im Jahr 2024 hat die Deutsche Bahn am Oberrhein die Generalsanierung der Schieneninfrastruktur gestartet – und dafür braucht sie neues Personal. © Sepp Spiegl, IMAGO

München – Die Deutsche Bahn gilt als größter Ausbildungsbetrieb in Deutschland. Diese Woche starteten bundesweit 5200 junge Menschen ihre Lehre bei der Bahn. In München begrüßte Martin Seiler, Vorstand für Personal und Recht, im Mathäser Filmpalast rund 500 neue Auszubildende. Wir hatten die Gelegenheit, vor der Veranstaltung im noch leeren Kino mit Seiler zu sprechen.

Tausende junge Menschen starten eine Ausbildung bei der Bahn. Profitieren Sie von der Krise der Automobilindustrie? Strömen jetzt alle zur Bahn?

Die gute Nachricht ist, dass wir es auch in der Vergangenheit bisher immer geschafft haben, unsere Ausbildungsplätze zu besetzen. Allein dieses Jahr haben sich rund 160.000 Menschen auf eine Ausbildungsstelle beworben. Den Arbeitsplatzabbau in der Automobilindustrie und bei den Zulieferern spüren wir eher bei den Quereinsteigern.

Inwiefern?

Wir suchen etwa Elektriker oder Mechatroniker in unseren Instandhaltungswerken. Da merken wir schon, dass sich jetzt Leute bei uns bewerben, die zuvor in der Automobilindustrie tätig waren.

Vor zehn Jahren haben Unternehmen regelrecht um junge Menschen gekämpft – angesichts eines angespannten Arbeitsmarktes hat sich der Wind gedreht. Haben Sie wieder eine größere Auswahl?

Selbst das lässt sich pauschal nicht beantworten. Wir bilden in 50 Berufen aus. Zusätzlich haben wir 25 duale Studiengänge. Es gibt Bereiche, da war es schon immer anspruchsvoll, junge Menschen zu begeistern. Etwa bei den Gleisbauern. Die Kolleginnen und Kollegen sind bei Wind und Wetter draußen und arbeiten oft nachts.

Wie sieht es bei den Zugbegleitern aus? Statistisch gibt es jeden Tag über fünf Angriffe auf Bahnmitarbeiter. Im Februar kam ein Zugbegleiter nach der Attacke eines Fahrgastes sogar ums Leben.

Natürlich beschäftigt das junge Menschen, die vor der Berufswahl stehen – denn Fragen zu Sicherheit und Respekt betreffen das gesamte gesellschaftliche Miteinander. Da ist die Deutsche Bahn nicht allein. Wir haben 500 zusätzliche Mitarbeitende im Bereich Sicherheit eingestellt, 200 davon an den Bahnhöfen. Gleichzeitig setzen wir auf eine überdurchschnittliche Ausbildung. Da geht es um rechtliche Grundlagen, da geht es um Sicherheitstraining, aber auch um neue Technologien: etwa einen Notrufknopf am Handgelenk oder Kameras an der Kleidung, also Bodycams – für die Zugbegleiter ist das aber freiwillig.

Bringen Bodycams etwas?

Ja. Wir haben eine Referenzgruppe, die keine Bodycams mit sich führt. Und da sehen wir: Bei der Gruppe mit Bodycams ist die Zahl der Übergriffe um etwa 25 Prozent geringer.

Die Bodycam hat eine abschreckende Wirkung?

Definitiv. Ein Zugbegleiter muss, bevor er die Bodycam einschaltet, aber darauf hinweisen, dass jetzt gefilmt wird. Geschieht das, sieht sich der potenzielle Angreifer selbst auf einem Bildschirm neben der Kamera – allein das schreckt ab. Ab Herbst testen wir auch die Tonaufzeichnung der Bodycams im Regionalverkehr. Wir hoffen, dass wir damit das perfekte Werkzeug haben, um die Sicherheit unserer Mitarbeitenden zu verbessern.

Glauben Sie, dass die Alkoholverbote an immer mehr Bahnhöfen die Sicherheit erhöhen?

Es ist leider so, dass viele Übergriffe im Zusammenhang mit Alkohol stehen. Daher sehen wir bei den Alkoholverboten an Bahnhöfen einen Weg, die Zahl der Übergriffe zu minimieren.

Gleichzeitig schenkt die Bahn in den Bordbistros ihrer ICEs weiterhin fleißig Bier aus. Denken Sie über ein Alkoholverbot in Zügen nach?

Nein, das ist nicht geplant. Auch in den Restaurants und Bistros an den Bahnhöfen darf weiterhin Alkohol getrunken werden.

Haben viele Auszubildende Kundenkontakt?

Nein. Von den 5200 Auszubildenden, die jetzt starten, kümmern sich allein 1000 um die Schieneninfrastruktur. Weitere 1000 Auszubildende starten jetzt in der Zugverkehrssteuerung, arbeiten also in einem Stellwerk. Hinzu kommen 800 Lokomotivführerinnen und Lokomotivführer sowie 700 Auszubildende in der Technik.

Wurden die neuen Auszubildenden noch von Menschen ausgewählt oder hat eine KI den Job erledigt?

Die Auswahl von neuen Mitarbeitenden oder Auszubildenden erfolgt bei der DB AG ausschließlich durch den Menschen. Beim Bewerbungseingang setzen wir selbstverständlich auch auf die Unterstützung der KI. Da geht es aber lediglich darum, zu sehen, ob sich jemand mit seiner Qualifikation überhaupt auf die richtige Stelle beworben hat und beispielsweise alle Unterlagen für eine Auswahlentscheidung vorliegen.

Planen Sie Einsparungen beim Personal, weil KI bestehende Jobs ersetzen kann?

Ich möchte den Begriff etwas weiter fassen: Wir sprechen hier von Digitalisierung und Automatisierung – und der Einsatz von KI beschleunigt diesen Prozess. Ein Beispiel: Wenn Mitarbeiter ihre Reisekosten bei uns einreichen, müssen sie jetzt nur noch ein Foto der Quittung hochladen – in 90 Prozent der Fälle wird das Geld dann automatisch überwiesen. Früher hatten wir dafür Mitarbeiter. Das Beispiel zeigt: Gerade im administrativen Bereich ist das volle Potenzial der KI längst noch nicht ausgeschöpft, genauso in der Fahrplanung und der Verkehrssteuerung.

Wie viele Stellen wollen Sie durch die Digitalisierung einsparen?

Das lässt sich noch nicht abschließend beziffern, da wir uns mitten im Transformationsprozess befinden. Allein in der Konzernleitung rechnen wir aber mit einer Größenordnung von 20 bis 30 Prozent. Im administrativen Bereich gehen wir davon aus, dass digitale Prozesse mittelfristig Aufgaben deutlich effizienter gestalten können. Belastbare Gesamtzahlen greifen hier noch zu kurz.

Die Betroffenen müssen jetzt um ihre Jobs bangen?

Wir gestalten den Wandel sozialverträglich und setzen primär auf das Prinzip der doppelten Freiwilligkeit: Wir bieten Abfindungen an, außerdem vermitteln wir Mitarbeitende über unser Programm „Job-Neustart“ auf andere Stellen im Konzern. Zusammen mit dem Renteneintritt von Beschäftigten gibt uns das den Spielraum für die Transformation.

Die Bahn will 1000 Stellen im Top-Management streichen. Als Außenstehender hat man den Eindruck, als hätte die Bahn diese 1000 Jobs nie benötigt. Stattdessen hat sich die Verwaltung einfach nur aufgebläht. Ist das ein falscher Eindruck?

Tatsächlich waren wir in der Vergangenheit sehr zentral organisiert. Das gilt auch für Entscheidungswege. Jetzt wollen wir uns dezentraler organisieren und Doppelentscheidungsstrukturen abschaffen. Bisher mussten etwa Investitionsentscheidungen in der Konzernzentrale abgesegnet werden – jetzt kann über Investitionen bis zu einer gewissen Höhe vor Ort entschieden werden.

Hat sich der Verwaltungsapparat auch deshalb aufgebläht, weil ehemalige Politiker nach ihrer Karriere mit lukrativen Posten im bundeseigenen Konzern versorgt wurden?

Besetzungen erfolgen nach Qualifikation und Notwendigkeit, nicht nach Parteibuch. Dass große Konzerne eine entsprechend dimensionierte Verwaltung haben, liegt an den komplexen regulatorischen und operationalen Anforderungen – das ist bei der Bahn nicht anders als in der freien Wirtschaft.

Baut der Konzern unterm Strich über alle Bereiche hinweg Stellen ab?

Wir haben gegenläufige Bewegungen: Während wir in der Verwaltung Stellen einsparen, profitieren wir gleichzeitig von den kräftigen Investitionen ins Schienennetz, die jetzt anstehen. In der Infrastruktur werden wir daher sogar Personal aufbauen. Das heißt, die klassischen Eisenbahnberufe, die werden gestärkt – und davon profitieren am Ende auch die Kundinnen und Kunden.

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