In Sendling lernen Roboter, Aufgaben selbstständig zu lösen. Jeder Arbeitsplatz sammelt durch Wiederholung Daten.
Im Werk Fürstenfeldbruck bauen Roboter Gelenke und Arme bereits vollautomatisch.
Der Agile One lernt per Fernsteuerung greifen und drehen.
Agile-Gründer Zhaopeng Chen hat in Deutschland am DLR zu Roboter-Händen promoviert. © Fotos: Leopold Fiala/Agile Robots
München – Arbeitskräfte, die weder Freizeit noch Krankenversicherung brauchen: Industrieroboter sind groß im Trend. Doch bisher können sie meist nur ein begrenztes Programm abspielen: Greifen, schrauben, nächstes Teil. Künstliche Intelligenz soll die bislang sehr speziellen Fähigkeiten auf ein neues Level heben: „Einer unserer humanoiden Roboter kann morgens auspacken und abends Qualitätskontrolle machen“, erklärt Rory Sexton.
Der gebürtige Ire ist operativer Geschäftsführer bei Agile Robots. Die Münchner Firma wurde erst 2018 gegründet und ist heute einer der Hoffnungsträger der deutschen Robotik-Industrie. Im Portfolio hat sie Industrieroboter: Greifarme, vollautomatische Wägen, Schraubwerkzeuge. Mit starkem Kapital im Rücken, etwa der Softbank Group aus Japan, hatte Agile Robots binnen kürzester Zeit die Hersteller Franka Emika, Ideal Works und Bär Automation übernommen. Flaggschiff ist aber seit diesem jahr ein Roboter in Menschengestalt: Der Agile One.
Durch Künstliche Intelligenz sollen die Roboter sich selbstständig in ihrer Umgebung zurechtfinden und neue Aufgaben lernen können. Firmengründer und Chef Zhaopeng Chen kommt aus der Raumfahrt. Der Chinese hatte am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt promoviert. Thema: Roboter-Hände. „Früher hat die Industrie keine humanoiden Roboter gebraucht“, erklärt Zhaopeng Chen. Denn der Aufbau war komplex, der Nutzen begrenzt. „Jetzt aber ist die KI soweit“. Er ist überzeugt: „Robotik wird die größte Industrie der Welt, zehnmal größer als die Autoindustrie.“
Was genau das bedeutet, zeigt sich in einem Labor in der Sendlinger Konzernzentrale: Hier beugen sich menschengleiche Roboter über große Kisten, fischen Teile heraus, zupfen an verklemmten Kartoneinlagen: „In einer Fabrik kommen 1000 Teile an, alle mit unterschiedlichen Formen und Gewichten“, erklärt ein Mitarbeiter. Die Roboter sollen lernen, diese selbstständig zu greifen und umzuladen.
Agile Robots nutzt Telekom-Superrechner
Das passiert in der Robots Academy, angesiedelt in einer ehemaligen Siemens-Halle. Sie ist eine von zwei Schulen, in denen die Roboter trainiert werden: „Wenn ein Mensch in eine Fabrik kommt, hat er schon 24.000 Stunden Erfahrung gesammelt“, erklärt eine Führungskraft. Diese Erfahrung vermitteln rund 60 Operatoren, also Lehrer, in zwei Schichten: An dutzenden Tischen steuern sie Roboterarme verschiedenster Art mit Joysticks oder Sensoren an ihren Armen. Ein Weckglas öffnen, einen Zauberwürfel greifen, einen Ram-Riegel auf eine Computerplatine stecken: „Wir brauchen unglaublich viele hochwertige Daten, um die Roboter zu trainieren.“
Praktisch wiederholen die menschlichen Lehrer den Vorgang dutzende oder hunderte Male in verschiedenen Varianten. Die Maschine soll auf Basis dieser Daten lernen, neue Situationen zu meistern: „Wenn der Roboter auf eine blaue Box trainiert wurde, soll er auch eine rote Box greifen können“, fasst der Leiter zusammen.
Die großen Datenmengen müssen verarbeitet werden: Agile Robots ist einer der ersten Nutzer des neuen Telekom-Supercomputers am Tucherpark. Das ist einigermaßen ungewöhnlich, denn der Großteil der globalen Rechenleistung steht in den USA. Europäische Anbieter werben dagegen oft mit besserem Datenschutz – gerade für sensible Industriedaten wichtig. Ohnehin hat Agile Robots einen starken deutschen Fußabdruck: 1600 Mitarbeiter sitzen in Europa, 370 in Indien, 200 in den USA und – wegen der vielen Industrie-Kunden – 1400 in China. Dennoch hat Agile Robots drei Fabriken in Deutschland. Die einzige, die humanoide Roboter baut, ist seit Anfang 2026 in Betrieb.
Roboter bauen neue Roboterarme
Szenenwechsel: Fürstenfeldbruck, Gewerbegebiet Hasenheide Nord. In einer hellen Fabrikhalle stehen eingegitterte Produktionsstraßen. Roboter bauen neue Roboterarme. Immer wieder bringen humanoide Roboter Teile an die Arbeitsplätze. Allerdings haben Sie keine Beine, sondern fahren auf Rädern: Der Agile Mobile One gleicht seinem zweibeinigen Pendant und soll noch in diesem Jahr auf den Markt kommen. „Die Industrie will aktuell Roboter auf Rädern“, erklärt Rory Sexton.
Doch der Ire ist vom Potenzial der Humanoiden überzeugt: „Wir sind in Fürstenfeldbruck aktuell zu 20 Prozent ausgelastet. 2027 wollen wir 100 Prozent schaffen.“ Derzeit arbeiten 100 Menschen in der Fabrik. Denn die Montage der Gliedmaßen und vor allem der mit Sensoren und Motoren gespickten Hände ist zu komplex, und die Modelle ändern sich ständig. Wenn die Nachfrage weiter anzieht, könnten hier neben zehntausenden Montagearmen jedes Jahr auch zehntausend Humanoide entstehen. „Wir haben extra ein großes Gebäude gekauft“, so Rory Sexton.