IHK-Präsident Peter Inselkammer ist Gastronom (Pfistermühle), Hotelier – hier im Foyer des Hotels am Platzl – und Wiesnwirt (Armbrustschützenzelt). © Foto: Oliver Bodmer
München – Das Ambiente ist gediegen, der Gastgeber bestens gelaunt: Peter Inselkammer (56) empfängt in seinem Hotel am Platzl in der Münchner Altstadt zu einem seiner ersten Interviews als neuer IHK-Präsident. Die IHK für München und Oberbayern ist mit 400.000 Mitgliedsunternehmen die größte bundesweit. Der Präsidenten-Posten ist ein Ehrenamt, das Inselkammer irgendwie neben seinem Hauptberuf als Gastronom und Hotelier unterbringen muss, das aber – und man glaubt es ihm – gerne tut.
Herr Inselkammer, Sie selbst haben mit einer Lehre zum Hotelkaufmann Ihre Karriere begonnen. War das ein guter Start?
Absolut. Die duale Ausbildung bei uns in Deutschland ist wirklich ein großer Vorteil. Die jungen Leute haben meistens wenig Vorstellung vom Beruf, wenn sie aus der Schule kommen. In einer Lehre haben sie die Möglichkeit, Fragen zu stellen und auch mal Fehler zu machen. Ich kann so einen Berufsstart nur empfehlen.
Eine Lehre ist ja auch keine Sackgasse.
Genau. Danach kann man immer noch eine akademische Ausbildung draufsatteln, wenn man das will. Mir persönlich hat das im Studium sehr geholfen, dass ich erst in der Praxis Erfahrungen gesammelt habe. Wobei mir mein Betriebswirtschaftsstudium dann teilweise doch zu theoretisch erschien. Ich komme ja aus einer mittelständischen Unternehmerfamilie. Da ist man von klein auf im Betrieb dabei.
Viele junge Leute machen sich Sorgen, dass Künstliche Intelligenz Berufe überflüssig machen könnte. Welche Berufe sind KI-sicher?
Das Handwerk natürlich, denn die KI wird keine Wand mauern und keine Elektrik verlegen. Genauso werden aber auch viele Dienstleistungsberufe immer von Menschen ausgeführt werden, auch in meiner Branche. Gäste wollen mit Menschen reden, sie vielleicht nach Jahren wieder treffen. Die kommen nicht, um von einem Roboter begrüßt zu werden.
Wobei gerade in der Gastronomie und Hotellerie ja durchaus mit Servicerobotern und automatisiertem Check-in experimentiert wird.
Das ist richtig. Wir arbeiten in unserem Betrieb auch digitalisiert. Wichtig ist aber, dass man Technik nur als Unterstützung betrachtet und nicht als Ersatz für den Menschen.
Ihr Hotel und die Gastronomien sind auch Ausbildungsbetriebe. Konnten Sie heuer alle Lehrstellen besetzen?
Wir hatten kein Problem. Es gab heuer sogar mehr Bewerbungen, als wir Stellen zu vergeben hatten. Wir haben dafür in den vergangenen Jahren aber auch viel getan und viel investiert, zum Beispiel in die Ausbilder in den verschiedenen Positionen. Damit konnten wir uns ein gewisses Renommee erarbeiten. Wenn jetzt bei einem Jugendlichen eine Ausbildung in der Hotellerie infrage kommt, dann fällt meistens auch unser Name.
Wie viele Azubis haben Sie denn? Und sind Sie zufrieden mit der jungen Generation?
Wir haben fast 40 Auszubildende. Und ich bin sehr zufrieden. Es gibt viele junge Leute, die begeisterungsfähig und engagiert sind. Aber allgemein höre ich schon aus dem Kollegenkreis und von den IHK-Unternehmen, dass es bei vielen auch große Schwächen gibt, beim Lesen und in Mathematik zum Beispiel. Das hat ja gerade erst die neue Pisa-Studie wieder gezeigt, aber auch Umfragen unter unseren Unternehmen. Das sind Defizite, die Ausbildungsbetriebe erst einmal auffangen müssen. Weil ohne Lesen und Rechnen geht es in keiner Ausbildung. Wir müssen manche erst einmal ausbildungsfähig machen.
Können Jugendliche heute auch etwas besser als frühere Generationen?
Ja. Die meisten können sehr viel besser Englisch, oft sind sie auch teamfähiger und viele haben eine grundsätzlich größere Technikaffinität als das früher der Fall war. Also, ich halte nicht viel von pauschalen negativen Urteilen. Klar, die Jugendlichen sind auch kritisch. Sie fragen nach, zum Beispiel was Nachhaltigkeit im Betrieb angeht. Aber das finde ich gut.
Die Gastronomie ist so etwas wie ein Stimmungsbarometer für die Konsumfreude in der Bevölkerung. Wie sieht es da aktuell aus?
Die Betriebe merken schon, dass es schwieriger geworden ist. Grund sind natürlich auch die Preissteigerungen, die wir zuletzt hatten. Die Leute wollen schon noch weggehen, aber vielleicht nicht dreimal in der Woche, vielleicht wird beim Essen ein Gang weggelassen und es muss nicht die teure Flasche Wein sein. Aber wenn sie weggehen, wollen sie etwas bekommen für ihr Geld. Das Preis-Leistungs-Verhältnis ist heute wichtiger geworden. Aber von einer Konsumflaute würde ich nicht sprechen.
Was sind denn generell für die heimische Industrie die wichtigen Themen, die Sie als neuer IHK-Präsident anpacken wollen?
Es ist eine alte Leier, wird aber leider nicht anders: die Bürokratie. Da haben die Unternehmen den größten Schmerz.
Alle Regierungen versprechen immer wieder Abhilfe. Woran scheitert es dann letztlich doch wieder?
Gute Frage. Ich glaube, dass sich in der Politik und in der Verwaltung einfach bestimmte Ansätze und Prozesse etabliert haben. Die Leute dort sagen, das machen wir immer schon so und dabei bleiben wir. Alles, was man verändern müsste, also Prozesse zu entschlacken oder jedes Gesetz vorher mit einem Praxis-Check zu prüfen, macht erst einmal Arbeit. Wenn da kein politischer Druck dahinter ist, passiert da nicht so schnell was.
Welche Regeln konkret belasten die Unternehmen?
Nur ein Beispiel aus jüngster Zeit: Die EU-Verpackungsverordnung, die seit 12. August gilt. Eine Folge: Betriebe, die Waren im Ausland verkaufen wollen, brauchen jetzt für die Verpackungen einen Bevollmächtigten, ansässig im jeweiligen Zielland, der sich mit dem Abfallsystem vor Ort befasst. Das ist letztlich so aufwendig, dass manche den Versand in bestimmte Länder einfach sein lassen.
Solche Maßnahmen erhöhen die Arbeitskosten weiter.
Ja. Und die sind ohnehin viel zu hoch. Wenn ein Arbeitnehmer zum Beispiel 4000 Euro brutto verdient, kostet das den Arbeitgeber mit den Lohnnebenkosten noch einmal 20 Prozent obendrauf, also 4800 Euro. Was am Ende beim Arbeitnehmer netto auf der Lohnabrechnung steht, sind ungefähr 2500 Euro, wenn er ledig und ohne Kinder ist. Die Diskrepanz zwischen den 4800 Euro, die der Unternehmer zahlt, und dem, was beim Arbeitnehmer ankommt, ist einfach zu groß. Das frustriert besonders die leistungsbereiten Mitarbeiter, für die sich Mehrarbeit oft nicht lohnt.