Leere Gasspeicher treiben die Preise

von Redaktion

Bayerns Gasspeicher sind besonders leer. Schuld ist eine Vorgabe, die Händler abschreckt.

München – Die Wette auf Frieden ist nicht aufgegangen: Durch die neu aufflammenden Kämpfe in Nahost fehlt weiter Erdgas am Weltmarkt. Die Hoffnung der Bundesregierung, im Winter preiswertes Flüssiggas importieren zu können, hat sich zerschlagen.

■ Leere Speicher

Die deutschen Speicher sind nur zu rund 55 Prozent gefüllt. In Bayern sind es mit 29 Prozent besonders wenig. Dass das gesetzliche Füllziel von 70 Prozent bis November durch den Markt erreicht wird, gilt als unwahrscheinlich. Denn durch den Iran-Krieg sind kurzfristige Gas-Lieferungen seit dem Frühjahr vergleichsweise teuer. Das Geschäftsmodell – im Sommer kaufen, Speicher mieten, im Winter verkaufen – war damit schwierig geworden. Der Bund wollte die Speicher durch laufende Importe im Winter ausgleichen. In Bayern sorgt eine Sonderregel für besonders magere Vorräte: „Der Bund wollte die Speicher in Süddeutschland besonders gut ausstatten“, erklärt Markus Schuster, Prokurist bei Bayernugs. Die Firma betreibt den Speicher Wolfersberg (Landkreis Ebersberg). „Deshalb müssen die Händler in Bayern 80 Prozent der vorher gebuchten Kapazität dann auch mit Gas füllen“, so Schuster. Denn Händler mieten erst Kapazität an und kaufen dann über den Sommer Gas. Die Füllquote bringt einen Füllzwang. Gleichzeitig müssen die Händler bis Februar nicht nur 30 Prozent vorhalten, sondern 40. „Dadurch fehlt den Händlern Flexibilität am Markt. Im Zweifel müssten sie Gas teurer kaufen, als sie es verkaufen können. Deshalb buchen sie lieber Speicher in Norddeutschland“, erklärt der Prokurist. Wolfersberg ist deshalb dieses Jahr leer, die Betreiber hatten sogar die Stilllegung beantragt.

■ Versorgungssicherheit

„Die deutschen Gasspeicher werden im November vielleicht bei 68 Prozent landen. Das reicht nur für einen milden, nicht zu langen Winter“, erklärt Walter Boltz. Er leitete 15 Jahre lang die österreichische Behörde für Strommarktaufsicht: „Ich gehe im Ernstfall nicht davon aus, dass Gas knapp wird. Aber es könnte so teuer werden, dass die Industrie den Verbrauch herunterfährt.“ Noch sei die Situation „weniger schlimm als 2022, als ganz Europa kein Gas hatte: Staaten wie Österreich, Frankreich und Italien stehen wegen ihrer strategischen Reserven besser da.“ Eine solche hat Deutschland nicht, aber: „Frei gehandeltes Gas fließt in Europa grenzüberschreitend zum Meistbietenden“, so Boltz. „Für die strategischen Reserven gilt in der EU ein Solidaritätsmechanismus. Theoretisch müssten die Länder im Ernstfall helfen, die Haushaltskunden ihrer Nachbarn zu versorgen.“ Doch Boltz warnt: „Im Ernstfall ist sich aber jeder selbst der Nächste.“ Der Super-GAU wäre, „wenn etwas mit den Pipelines aus Norwegen passiert. Sie liefern ein Viertel des europäischen Gasverbrauchs.“

■ Strategische Käufe

Walter Boltz kritisiert, dass der Bund nicht wie 2022 die Fernleitungsbetreiber mit strategischen Gaskäufen beauftragt hatte. Diese waren damals mit einer Umlage auf den Gaspreis finanziert worden: „Es ist ärgerlich: Seit dem Frühjahr war klar, dass der Marktmechanismus nicht reicht, um die deutschen Speicher zu füllen. Und damals hätte man noch für 35 Euro pro Megawattstunde kaufen können“, so der Experte. Gestern waren es 82. Auch Prokurist Markus Schuster kritisiert die Regierung: „Laut Energiewirtschaftsgesetzmüsste der Bund sich um Speicher kümmern, wo das marktlich nicht klappt. Das passiert aber nicht. Wir melden seit Mai Bedarf für den Speicher Wolfersberg, werden aber ignoriert.“

Falls zu den leeren Füllständen noch weitere Probleme kommen, halten Experten auch einen weiteren Anstieg auf 100 Euro für möglich. Sollte der Bund aber jetzt den Auftrag zum Kauf geben, würden laut Boltz die Preise in ganz Europa steigen. In Österreich sind die Speicher dagegen heute schon zu 67 Prozent gefüllt. Der Grund sind staatliche Vorgaben, so Boltz: „In Österreich werden 20 Prozent der Speicher über Auktionen von der Regierung befüllt. Weitere 30 Prozentpunkte füllen die Energieversorger. Die müssen einen Teil ihrer Verträge mit physischem Gas hinterlegen.“ Für Deutschland ist eine strategische Reserve frühestens 2027 geplant.

■ Gas bleibt teuer

Die Commerzbank erwartet weiter hohe Gaspreise. Am Markt werden Lieferungen für 2027 für durchschnittlich knapp 60 Euro gehandelt. Das ist rund doppelt so viel wie vor Beginn des Iran-Kriegs. Sollten die Preise so hoch bleiben, könnte das für eine Familie (20.000 kWh Verbrauch) jährliche Mehrkosten von 700 Euro bedeuten, hat das Vergleichsportal Verivox berechnet. „Die hohen Gaspreise würden auch die Strompreise und die gesamte Inflation nach oben treiben“, warnt Walter Boltz. Denn wenn weder Wind, Sonne oder Batteriespeicher verfügbar sind, setzen Gaskraftwerke die Preise. Gleichwohl hält der harte Wettbewerb die Tarife hier noch unten: Strom gibt es ab 25 Cent/kWh, inklusive Wechselboni und Grundgebühr. Verivox-Sprecher Lundquist Neubauer: „Wenn man ein gutes Angebot findet, kann es angesichts der geopolitischen Unsicherheiten Sinn machen, einen Stromvertrag über zwei Jahre abzuschließen.“

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