München – Wenn die Berater in die Flüchtlingsunterkunft im Fürstenfeldbrucker Fliegerhorst kommen, spielen sich jedes Mal dieselben Szenen ab. Ein großer Tumult, Geschubse und Gedränge. Jeder hat Angst, nicht mehr dranzukommen. Wilhelm Dräxler beobachtet diese Situation mit Sorge. Nicht nur wegen der angespannten Stimmung. Sondern weil er als Integrationsbeauftragter weiß, dass künftig weniger Berater für dieselbe Anzahl Flüchtlinge zuständig sind. „Bisher lag der Betreuungsschlüssel bei eins zu 100, in dezentralen Einrichtungen sogar eins zu 150“, sagt er. Bisher waren aber auch 16 Berater im Landkreis im Einsatz. 15 für die Betreuung der Asylbewerber und ein Migrationsberater. Seit 1. Januar sind Asyl- und Migrationsberatung zusammengelegt. Für Fürstenfeldbruck bedeutet das, dass bis Jahresende 6,5 Stellen wegfallen. Zu spüren ist das bereits jetzt, sagt Dräxler. Nur sechs Wochen, nachdem die neue Richtlinie in Kraft getreten ist.
Das Sozialministerium will das Beratungsangebot für Menschen mit Migrationshintergrund bündeln. Durch die Zusammenlegung kann ein Asylbewerber auch nach der Anerkennung vom selben Berater betreut werden – zuvor musste er nach dem beendeten Asylverfahren zu einem Migrationsberater wechseln. Diesen Gedanken hinter der Reform halten sowohl Sozialverbände als auch Asylhelfer für sinnvoll. Kritik gibt es jedoch von allen Seiten an der Bedarfsberechnung.
Denn Grundlage dafür ist das Ausländerzentralregister. In ihm sind nicht nur Flüchtlinge registriert, sondern alle Zuwanderer, die keinen deutschen Pass haben und sich nicht nur vorübergehend in Deutschland aufhalten. Da die meisten Zuwanderer eher in den Städten als in ländlichen Gebieten leben, profitieren die Städte auch bei der Bedarfsberechnung. Augsburg gewinnt 13 Stellen dazu, Regensburg 6,8, Nürnberg 7,6 und München sogar 23. Der Landkreis Fürstenfeldbruck hingegen ist trotz der großen Flüchtlingsunterkunft im Fliegerhorst, wo aktuell mehr als 800 Asylbewerber leben, klarer Verlierer. Das Ministerium hatte für 2018 zwar noch Bestandsschutz bei den Stellen versprochen. Wilhelm Dräxler erklärt aber: „Wir können die 6,5 Stellen ja nicht über Nacht abbauen.“ Deshalb werden Verträge, die auslaufen, schon jetzt nicht mehr nachbesetzt. Einige Berater hätten auch schon signalisiert, dass sie die höhere Belastung nicht aushalten wollen. „Wir haben bereits jetzt zwei bis drei Berater weniger“, sagt Dräxler.
Er ist nicht nur Integrationsbeauftragter und Stadtrat in Fürstenfeldbruck, sondern auch Referent für Migration bei der Caritas. Deshalb weiß er, dass viele andere Landkreise vor ähnlichen Problemen stehen. Starnberg verliert 4,2 Beraterstellen, Dachau 3,1, Bad Tölz-Wolfratshausen 4,4. „So kann Integration nicht gelingen“, sagt Christine Kamm, die asylpolitische Sprecherin der Landtags-Grünen. Sie forderte die Staatsregierung mit einem Antrag auf, dem zuständigen Fachausschuss detailliert über die Umsetzung der Reform zu berichten. Vor allem ärgert sich Kamm darüber, dass die Mittel für die Asylberatung im Zuge der Zusammenlegung um acht Millionen Euro gekürzt wurden. Die Kosten für Sicherheit rund um die Gemeinschaftsunterkünfte würden im Nachtragshaushalt hingegen von 102 auf 188 Millionen explodieren. „Das ist ein krasses Missverhältnis und der völlig falsche Weg, um die Situation in den großen Unterkünften zu entschärfen“, betont Kamm.
Das Sozialministerium will diese Zahlen so nicht stehen lassen. Sechs Millionen Euro würden noch über den Nachtragshaushalt für die Asyl- und Migrationsberatung bereitgestellt, berichtete eine Sprecherin. Endgültig steht erst Ende Februar fest, wie viel Geld zur Verfügung steht – wenn im Plenum des Landtags über den Haushalt diskutiert wird.
Auch Wilhelm Dräxler hofft, dass bei den Beratungen nicht gespart wird. Auch deshalb, weil sich die Stimmung in den großen Unterkünften merkbar verschlechtere, berichtet er. „Bei uns im Fliegerhorst sind etwa die Hälfte der Flüchtlinge Nigerianer.“ Sie haben kaum Chancen auf Asyl, nur die wenigsten können abgeschoben werden. Der Großteil bleibt mit Duldung oder nicht vollziehbarer Ausreisebescheinigung in der Unterkunft – ohne Arbeitserlaubnis, ohne Perspektive, dafür aber mit einer großen Menge Frust, der bei manchen in die Kriminalität führt. „Die Berater können sowieso nur einen Teil davon abfangen“, betont Dräxler. „Aber für die Flüchtlinge sind sie die einzige Hoffnung.“