Ist das nicht ungerecht? Die einen hetzen von Termin zu Termin, sind unablässig am Windmachen, schuften vom frühen Morgen bis in die Nacht, müssen immer wieder Adrenalin ausschütten, um mit ihrer permanenten Stresssituation fertig zu werden. Und die andern? Ich will es euch sagen, die schieben eine ruhige Kugel, machen sich ein schlaues Leben, lassen alle Fünfe gerade sein und den Herrgott einen guten Mann. Bewegen sich, wenn überhaupt, im Pensionistenschritt voran, und wenn sie was ausschütten, dann höchstens ein Quartel Bier, das vom langen Stehen warm geworden ist.
Früher nannte man solche Leute Meister im Hundertmeterlangsamschaun oder auch schlicht Trantüten. Was aber antworten uns solch gebremste Naturen, wenn man sie auffordert, sich ob ihrer Trägheit zu rechtfertigen? Sie sagen: nur net hudeln!
Zwischen Karlstor und Marienplatz lassen sich täglich die konträren Gruppen auf freier Wildbahn beobachten. Während die eine, und weitaus die größere, mit und ohne Einkaufstaschen und verbissenen Gesichts dahinhastet, ohne nach links und rechts zu schauen, sitzt die andere seelenruhig auf herausgestellten grünen Wirtshausstühlen in der Sonne und lässt sich eine Halbe und eine Brotzeit schmecken. Diese Müßiggänger sind imstande, sich um elf Uhr auch noch das Glockenspiel im Rathausturm anzusehen und anzuhören, obwohl sie es doch als Münchner schon längst auswendig kennen. Wogegen ein pressanter Einheimischer die Augen und Ohren zumacht und erbost durch die gaffende Menge rudert, die ihm eine neue Bestzeit im Shopping-Run verwehrt. Seien wir einmal ehrlich. Traditionell gehört der Bayer und damit auch der Münchner eigentlich einer mehr behäbigen Rasse an, die man gewiss nicht mit feurigen Araberhengsten, sondern eher schon mit gut gefütterten Haflingern vergleichen könnte. Die traben zwar auch manchmal, aber lieber stehen sie attraktiv in der Landschaft herum oder ziehen prächtig geschmückte Leonhardiwagen durch die Gegend. Wenn allerdings zu viele feingliedrige, nervöse Gäule um den vollschlanken Haflinger herum sind, dann kann’s passieren, dass auch er plötzlich von Unrast umgetrieben wird. Und dann auf einmal den Großen Preis von Daglfing gewinnen möchte. Ähnlich ergeht’s auch den Bayern, wenn rundherum Hektik herrscht. Wird auch er angesteckt und die ruhige Kugel bleibt in der Ecke.
Noch vor 80 Jahren gab’s in ganz Bayern keinen nervösen Bauern, und auch in der Stadt war dieses Leiden kaum verbreitet. Heute scheinen die Umtriebigen die Mehrheit zu stellen. Selbst am Sonntag, im Urlaub oder in der Freizeit gilt es abzuhaken, Pflichten zu erfüllen. Es genügt nicht mehr, Schloss Linderhof zu besuchen, auch Hohenschwangau, Neuschwanstein, die Wieskirche und Oberammergau müssen noch „erledigt“ werden. Das Schieben einer ruhigen Kugel, versucht man uns einzureden, sei heute nicht mehr zeitgemäß. Spitzenleistungen und Rekorde sind gefragt, nicht Zockeltrab. Aber kommt nicht auch eine ruhig geschobene Kugel ans Ziel, manchmal sogar sicherer als eine, die zu schnell auf den Weg gebracht wurde? Und wie vielen ist eine solche schon jäh aus der Hand gefallen? Mit dieser Feststellung soll nicht das Faultier Mensch aufs Podest gestellt werden, sondern der gute Rat unters betriebsame Volk gestreut, beim Run nach Geld, Erfolg, Ehre, Ruhm, Vergnügen und Statussymbolen wenigstens von Zeit zu Zeit innezuhalten, einen Gang zurückzuschalten, a wenig stader z’doa, einen Otto zu machen, an Seiher neizhänga, die bewusste ruhige Kugel zu schieben. Mit anderen Worten dem „good old way of Bavarian life“ zu fröhnen.
An dieser Stelle schreibt unser Turmschreiber