Garmisch-Partenkirchen – Gerda Prochaska blättert durch ihr Leben. Sie hat es sorgfältig in einem Fotoalbum archiviert. „Das war meine Herzensstute, meine Garbosa. Die ist schuld an allem“, sagt die 86-Jährige und zeigt auf das Foto einer weißen Andalusier-Stute. Garbosa hatte die ehemalige Opernsängerin aus Garmisch-Partenkirchen auf die Idee gebracht, barocke Pferde mit der klassischen Musik zu vereinen.
Seitdem sind viele Jahre vergangen und die Veranstaltungen unter dem Motto „Klassische Musik und barocke Pferde“ sind sehr gefragt. Ihr 20. Jubiläum feiert Gerda Prochaska im Münchner Circus Krone. Noch einmal sollen die Pferde zu Bachs Weihnachtsoratorium tanzen. Doch auch danach will sie sich nicht zur Ruhe setzen – die 86-Jährige hat nicht im Sinn, so bald aufzuhören.
Geboren in Brünn, kam Gerda Prochaska mit ihrer Familie 1949 nach Garmisch-Partenkirchen. Über ihren Geburtsort in Tschechien sagt die 86-Jährige heute: „Eine ganz schöne und elegante Stadt. Bis der Herr Hitler kam.“ Der Zweite Weltkrieg nahm der Familie alles, doch in Garmisch-Partenkirchen bauten sie sich ein neues Leben auf. Dort lebt sie bis heute in einer Wohnung mit ihrer Hündin Ronja. „Mir gefällt es hier. Ich bin froh, dass ich immer wieder zurückgekehrt bin“, sagt sie.
Noch vor ihrem 18. Geburtstag entschied sich Gerda Prochaska, Opernsängerin zu werden. „Mein Vater hat damals fast der Schlag getroffen“, sagt sie und lacht. Doch sie ließ sich ihren Wunsch nicht ausreden: Nach Gesangsunterricht in Oberammergau zog sie mit 22 Jahren nach Wien. Dort studierte sie am Konservatorium. Darauf folgten viele Jahre auf der Bühne.
Wenn sie von dieser Zeit spricht und die alten Fotos durchschaut, scheint sie wieder auf den großen Bühnen zu stehen. „Das ist beim Schminken, das bin ich in der Garderobe – und so bin ich ins Studium nach Wien gegangen.“ Egal ob Prag, London, Luxemburg, Bayreuth, München oder Trier – Prochaska sang auf den großen Bühnen Europas. Und eines blieb immer gleich: „Wenn ich auf die Bühne gegangen bin, hatte ich einen Puls von 170. Sobald die ersten Töne gut waren, ging er wieder runter. Aber das waren mächtige Momente.“ Nur in der Oper „Carmen“ hat die Aufregung mit der Zeit nachgelassen – denn die spielte und sang sie immerhin 70 Mal.
In ihrer Wohnung erinnert vieles an vergangene Tage. An den Wänden im Wohnzimmer hängen eingerahmte Fotos ihres verstorbenem Dobermanns, ihrer geliebten Pferde und Bilder, die sie als junge Frau auf der Bühne zeigen. „Das fehlt mir“, sagt sie. „Vor allem vermisse ich das, was mir immer gedient hat. Meine Stimme. Diese Kraft hier“, sagt sie und legt die Hände an ihre Brust, „die ist nicht mehr da.“ Sie erinnere sich jedoch oft an die Worte ihres verstorbenen Mannes, dem Kammersänger Gerhard Stolze: „Ich wünsche mir, dass die Leute nicht sagen: ,Der Stolze singt immer noch.‘ Sie sollen sagen: ,Schade, dass er nicht mehr singt.‘“
Weil ihre Stimme selbst nicht mehr reicht, um die großen Konzertsäle mit Klang zu erfüllen, gibt Gerda Prochaska ihre Erfahrungen nun weiter. Vier Gesangsschüler kommen jede Woche zu ihr und werden an dem grünen Klavier von der ehemaligen Opernsängerin begleitet.
Den Flur ziert ein großes Bild ihres Mannes. Sie hatten sich bei einer Inszenierung kennengelernt. Als Gerhard Stolze im Alter von 52 Jahren überraschend starb, brach für Gerda Prochaska eine Welt zusammen. Vier Jahre lang konnte sie nicht singen. „Das klingt vielleicht abgedroschen“, beginnt sie und macht eine kurze Pause. „Aber er war wirklich die Liebe meines Lebens.“
Doch Gerda Prochaska wäre nicht sie, hätte sie aufgegeben. Sie eröffnete eine eigene Konzertagentur, fing an zu reiten, trainierte ihre Stimme wieder und begann Liederabende zu organisieren und zu singen. „Nach dem Tod meines Mannes haben die Pferde und die Musik mein Leben gestärkt“, sagt sie rückblickend. Die Kraft in ihrer Stimme mag die 86-Jährige zwar wieder verlassen haben – ihre Energie hingegen nicht.
Seit 25 Jahren an der Seite von Gerda Prochaska ist Anja Beran. Die Reiterin und Ausbilderin half ihr bei der Umsetzung ihrer Idee, barocke Pferde mit klassischer Musik zusammenzubringen. Aus Geschäftspartnerinnen wurden gute Freundinnen. Gemeinsam arbeiten die Frauen daran, das Weihnachtsoratorium im Circus-Krone-Bau am Samstag, 14. Dezember, so perfekt wie möglich zu gestalten.
In ihrer Wohnung liegen bereits die Flyer und Plakate für das Weihnachtsoratorium, ihr Terminkalender ist komplett gefüllt. Und auch das aufwendige Projekt „Klassische Musik und barocke Pferde“ soll nicht ihr letztes sein. Ihr nächstes Ziel: der Jugend die klassische Musik über die Pferde näherzubringen. „Dazu habe ich eigentlich schon ein ganzes Jahresprogramm im Kopf“, sagt sie. Langeweile kommt bei ihr nie auf. „Meine Freunde sagen, ich bin verrückt. Aber das macht mir nichts. Es muss auf dieser Welt auch ein paar Verrückte geben“, sagt sie und lacht laut.