Ein Jahr des Umbruchs für die Hebammen

von Redaktion

Dachau – 2019 war wegweisend für Bayerns Geburtshelferinnen: Der Hebammenberuf wurde akademisiert und in zwei Runden Tischen wurden Aktionspläne erarbeitet, die heute vorgestellt werden. Mechthild Hofner, die Vorsitzende des Bayerischen Hebammen Landesverbands (BHLV), blickt optimistisch ins neue Jahr.

Vor Weihnachten mussten zwei Kreißsäle in Bayern vorübergehend schließen, weil das Personal fehlte. Ist das der oft vermeldete Hebammen-Mangel?

Immer weniger Hebammen müssen immer mehr Geburten betreuen, das stimmt. Ich bin aber sehr misstrauisch bei Kreißsaalschließungen, die pauschal mit Hebammen-Mangel begründet werden. Wenn man hinter die Kulissen schaut, hat so etwas einen sehr langen Vorlauf von Missmanagement. Zum Beispiel, dass die Belastung der Hebammen nicht ernst genommen wird oder es zu wenig Ärzte gibt. Und am Ende bleibt nur die Schließung.

Es liegt also nicht nur daran, dass es zu wenig Hebammen gibt.

Wir haben keinen absoluten, sondern einen relativen Hebammenmangel. In absoluten Zahlen haben wir in Deutschland so viel Hebammen wie nie zuvor, aber die relative Anzahl der verfügbaren Hebammen in Bayern, die tatsächlich in Vollzeit oder Teilzeit arbeiten, deckt nicht den Bedarf. Hier spielen viele Faktoren eine Rolle, aber vor allem die prekären Arbeitsbedingungen führen dazu, dass Hebammen aus dem Beruf ausscheiden. Man sagt, dass eine Klinik ab 1000 Geburten einigermaßen kostendeckend arbeiten kann. Sind es weniger Geburten, ist es schwierig, Geburtshilfe wirtschaftlich leisten zu können.

Ihr Verband mahnt schon lange an, dass Entlastung geschaffen werden muss. Sehen Sie denn Verbesserungen?

Unsere Forderungen haben tatsächlich neuen Schub bekommen durch das Geburtshilfestärkungsgesetz. Da gab es eine erste Resonanz: Der Bundesrat hat Anfang Dezember den Bundestag aufgefordert, entsprechende Gesetze zu erlassen.

Was fordern Sie konkret?

Die zentrale Forderung ist, dass endlich die Eins-zu-eins-Betreuung in allen Krankenhäusern umgesetzt werden kann. In Deutschland schaut die Realität leider anders aus. Es ist Usus, dass die Hebammen mindestens zwei Frauen parallel betreuen, in Stoßzeiten oder bei Personalmangel sogar bis zu fünf. Zweitens wollen wir, dass Hebammen von allen berufsfremden Arbeiten wie Putzen, Telefondienst oder Verwaltungsarbeiten wie Materialbestellungen befreit werden. Unser Eckpunktepapier enthält die Forderung nach Notfalltrainings und Supervisionen für das gesamte geburtshilfliche Team sowie ein verbessertes Fehlermeldesystem.

Welche Rolle spielt die Akademisierung?

Wir haben immer betont, dass eine Verbesserung der Versorgungssituation in Bayern auf zwei Beinen steht: einmal die Verbesserung der Arbeitsbedingungen, und dann die Akademisierung. Wir glauben, dass die Hebammen mit der verbesserten Ausbildung das optimale Rüstzeug für die gestiegenen Anforderungen bekommen.

Wird Ihr Beruf dadurch attraktiver?

Ja, und das merkt man daran, dass die Nachfrage nach den Studiengängen in München und Regensburg sehr hoch war. Die mussten nicht groß Werbung machen.

Bayern wirbt mit seinem Hebammen-Bonus von 1000 Euro pro Jahr. Wie bewerten Sie die Bemühungen der Politik?

Ob die Förderungen ihren Zweck erfüllen, lässt sich vorher schwer sagen. Aber wir in Bayern bekommen von der Gesundheitsministerin die bestmögliche Unterstützung. Wir werden mit unseren Nöten und Sorgen ernst genommen. Es ist Melanie Huml ein Anliegen, dass sich die Bedingungen für uns verbessern – auch im Interesse des Ministeriums. Ein großer Anreiz ist die Gründerprämie für Hebammen, die sich neu oder nach einer Pause niederlassen. Die 1000 Euro Bonus werden auch abgerufen. Wobei man sagen muss: Wegen 1000 Euro wird sicher keine Hebamme neu in den Beruf einsteigen.

Anfang 2019 gab es einen Runden Tisch, bei dem es um die Hebammenversorgung in Bayern ging. Was ist seitdem passiert?

Es gab im Frühjahr ein zweites Treffen, dort sind zwei Arbeitsgruppen entstanden. Die eine befasst sich mit der Versorgung der Frauen, die andere mit den Arbeitsbedingungen für die Hebammen. Die Ergebnisse werden heute in Nürnberg in einem Aktionspapier vorgestellt.

Wie fällt Ihre Bilanz für das vergangene Jahr aus?

Arbeitsreich, spannend, aber auch sehr, sehr erfreulich. Es war ein Jahr des Umbruchs und der Stärkung des Hebammenberufs. Wir haben es geschafft, innerhalb eines Jahres ein neues Hebammengesetz plus die Studien- und Prüfungsordnung für Hebammen zu verabschieden. Die angestrebte vollständige Akademisierung ist ein Meilenstein in der Geschichte des Hebammenberufes.

Wenn Sie sich etwas für 2020 wünschen dürften…

…würde ich mir wünschen, dass die Finanzierung der neuen Studienstandorte gesichert wird. Dass wir in Absprache mit den Ministerien zur formalen Gleichstellung einen guten Kompromiss beim nachträglichen Bachelor-Titel für Hebammen mit Berufserfahrung finden. Und natürlich das Geburtshilfestärkungsgesetz. Dann sind wir auf dem besten Weg.

Interview: Kathrin Brack

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