Das Rätsel um das Baumwollbrot

von Redaktion

Heute feiern die Sepps, die Josefas und die Bepperln: Am 19. März ist Josefi. Bis 1968 war das ein Feiertag in Bayern. Ganz in Vergessenheit geraten ist der Tag des Heiligen Josef nicht. Manche Bräuche erinnern an die Hochzeit des Festes.

VON NINA PRAUN

Berchtesgaden – Heute ist Josefitag. Viele Jahrhunderte lang war dies ein wichtiger Festtag, doch geblieben ist nicht viel: eine Königlich-Bayerische-Josefspartei, ein paar Josefsvereine, ein Josefibock-Bier und: ein Brot. Das Josefibrot, genannt „Baumwollbrot“.

Es war lange verschollen und ist nun dort wieder aufgetaucht, wo es herkommt: im Rupertiwinkel. „Ich habe es sozusagen wiedergefunden“, sagt Johannes Schöbinger. Er ist Kreisheimatpfleger von Berchtesgaden und somit per se für alte Traditionen zuständig. Für einen Artikel zum Josefitag 2014 suchte er nach Geschichten und Bräuchen rund um Jesu’ Vater; in einem Buch stolperte er über das „Baumwollbrot“ und erwähnte es in seinem Artikel. Kurz danach war das Brot wieder vergessen.

Doch dann meldete sich Annemarie Hofstetter-Hack bei ihm. Die Schulleiterin der Landwirtschaftsschule in Laufen (Kreis Berchtesgadener Land) plante einen Thementag in der Schule, der just auf Josefi fiel. „Da muss es doch was Besonderes geben“, dachte sich die Lehrerin, durchforstete das Internet – und stieß auf Schöbingers Artikel. Ein Baumwollbrot? Wie das wohl aussieht, wie das schmeckt, und vor allem: Wie das wohl gebacken wird? All diese Fragen stellte sie Schöbinger. Doch der wusste keine Antwort. Denn auch er konnte sich nicht daran erinnern, irgendwann einmal ein Baumwollbrot gegessen zu haben. „Ich kannte nur den Begriff und hab’ ihn irgendwie mit den Zimmerern in Verbindung gebracht.“ Also recherchierte er und fand das Rezept in alten Aufzeichnungen.

Eigentlich ist es ganz einfach: Hefeteig mit Rosinen, aufgeteilt in vier kleine Weckerl und mit Zuckerguss überzogen (Rezept siehe Kasten). Er gab das alte Rezept weiter an Hofstetter-Hack, das Baumwollbrot wurde in der Schule gebacken und beim Thementag angeboten, „und es ist so gut angekommen“, erzählt Hofstetter-Hack. So gut, dass ein paar engagierte Bäckerinnen und Hausfrauen im ganzen Rupertiwinkel begannen, das Brot zu Josefi wieder zu backen, zum Beispiel für den traditionellen Fastenmarkt nach der Josefimesse in Maria am Berg, wo es für einen guten Zweck verkauft wurde.

Elisabeth Krenn ist Pfarrgemeinderatsvorsitzende von Marktschellenberg und hat immer wieder mal das Baumwollbrot für den Markt gebacken. Dieses Jahr entfällt der Markt leider, wie alle Veranstaltungen, wegen des Coronavirus, doch das hält niemanden davon ab, das Brot zu Hause zu backen – schließlich ist es ein schöner Zeitvertreib. Krenn hat auch heuer das Brot gebacken, für die ganze Familie: „Die Kinder haben sich riesig gefreut, dass es heute Baumwollbrot gibt“, erzählt sie. Denn ja, es schmeckt wirklich sehr gut, bestätigt Krenn: „Es ist etwas Süßes, für zwischendurch.“

Aber was hat das Brot nun mit Baumwolle zu tun, und was mit Josefi? Für die Baumwolle gibt es zwei Erklärungsmöglichkeiten: „Der Hefeteig geht etwa so wunderbar weiß auf wie die Baumwollkapsel“, sagt Schöbinger, und: Im Rupertiwinkel werden Dampfnudeln auch „Baumwollene Nudeln“ genannt.

Gebacken wurde das Brot dann tatsächlich nur an Josefi, und zwar für die Zimmermannsleute. Der Josefitag ist auch ihr Feiertag, da Josef der Patron der Zimmerer ist, erklärt Schöbinger. Die Vierer-Paarung kann sich Schöbinger nicht erklären, die Rosinen aber könnten an Nägel erinnern. Sie sind vielleicht auch schuld daran, dass der Brauch vor langer Zeit aufgegeben wurde: Es wurden wohl manchmal echte Nägel eingebacken, als dummer Scherz. Vielleicht aber auch nicht. „Manchmal ist es eben einfach so, dass Bräuche abhanden kommen“, sagt Schöbinger. Doch dieser sollte nun fürs Erste wieder gerettet sein.

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