Der Überlebenskampf einer Familie

von Redaktion

VON STEFANIE ZIPFER

Dachau – „Wenn Ihnen die Klinikarbeit mit Corona zu gefährlich ist. Wenn Sie in letzter Zeit Zwölf-Stunden-Schichten hatten und nicht mehr können. Wenn Sie keine Corona-Toten mehr sehen können und der Burn-Out auf Sie lauert: Dann kontaktieren Sie uns!“ Diese Sätze provozieren – und das sollen sie auch. Fritz Pröbstle aus Karlsfeld (Kreis Dachau) ist Vater einer schwerkranken Fünfjährigen. Und er hat Flugblätter entworfen, die er gerade vor allen großen Kliniken in der Region verteilt. Mit seinem provokanten Aufruf will er Intensivpflegekräfte für sein Kind anwerben. Eine andere Möglichkeit, an eine Krankenschwester für seine fünfjährige Isabella zu kommen, sieht er nämlich nicht mehr. „Wir sind gefangen in einem Wust aus Regularien“, sagt der 49-Jährige. „Aber Hilfe“, sagt Pröbstle, „kriegen wir von niemanden.“ Die kleine Isabella leidet an einer extrem seltenen Lungenkrankheit: Surfactant-C. Ärztlich verordnet ist eine Rund-um-die-Uhr-Pflege, die Krankenkasse stellt dafür 300 000 Euro jährlich für fünf Intensivkräfte bereit. Das Problem: Gerade in Corona-Zeiten sind diese Fachkräfte Mangelware, die Pflege übernehmen nun Isabellas Eltern auf ihrer „Wohnzimmer-Intensivstation“. Fritz Pröbstle, eigentlich studierter Informatik-Ingenieur, hat dafür seinen Job aufgegeben. Während Mutter Christina Pröbstle sich tagsüber um das Mädchen kümmert, übernimmt der Vater die Nachtschicht. Der Haushalt, Isabellas neunjähriger Bruder Kilian – läuft alles nebenher. Seit Monaten.

Nun aber sind die Ersparnisse der Familie aufgebraucht. „Ich muss ab Februar wieder arbeiten, sonst kann ich unsere Miete nicht mehr zahlen“, sagt Fritz Pröbstle. Sein Angebot an die Krankenkasse – nach Monaten vergeblicher Suche nach einem Pflegedienst – die Vollzeit-Pflegearbeit selbst zu übernehmen und dafür einen entsprechenden Anteil der für einen Pflegedienst genehmigten 300 000 Euro zu erhalten, wurde allerdings abschlägig beschieden: Dies sei nicht möglich, Geld gebe es nur für Profis, ließ die Kasse sinngemäß verlauten. Genau das aber kann Pröbstle nicht verstehen: Wenn er und seine Frau als Pflegekräfte für die Tochter anerkannt würden, „werden keine fünf Intensiv-Pflegekräfte gebunden“ – die dann wiederum auf den Corona-Stationen in den Krankenhäusern fehlen würden.

Doch nicht nur in der Frage der Bezahlung fühlen sich die pflegenden Angehörigen allein gelassen. Um das Leben des schwerst lungenkranken Kindes zu schützen und eine Coronainfektion zu verhindern, befindet sich die Familie seit fast einem Jahr in häuslicher Quarantäne. Der neunjährige Kilian wird seit März nur noch zu Hause unterrichtet. Doch die Bitte der Pröbstles, in die höchste Prioritätsstufe für Coronaschutzimpfungen aufgenommen zu werden, wurde ebenfalls abgelehnt. Begründung: Impfungen gebe es nur für professionelle Pflegekräfte; und Isabellas Krankheit ist so selten, dass sie es nicht auf die Liste derjenigen Lungenkrankheiten geschafft hat, deren Patienten bevorzugt geimpft werden sollen.

Fritz Pröbstle regt das auf: „Politiker haben eine erhöhte Priorität, aber wir brauchen sie doch auch. Man kann doch Menschen wie uns nicht einfach ausschließen!“ Das Grundproblem in Deutschland ist für ihn daher ganz klar: „Was pflegende Angehörige leisten, was sie auf sich nehmen, das juckt niemanden.“ Dass von sämtlichen örtlichen Landtags- und Bundestagsabgeordneten, die er mit seinem Problem bereits konfrontiert hatte, erst einer – ausweichend – geantwortet hat, habe letztlich dazu geführt, die Sache selbst in die Hand zu nehmen und die Flugblattaktion zu starten.

Wer nun Interesse an der Arbeit mit der kleinen Isabella hat, kann sich laut ihren Eltern jedenfalls freuen: „Abgesehen von ihrer Erkrankung ist sie ein lebenslustiges Kind. Sie läuft, spielt und kann schon lesen.“

Kontakt zur Familie

unter der E-Mail-Adresse isabella.pro@gmx.de

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