München/Dießen – Der vorletzte Facebook-Eintrag von Martin Hebner ist etwas älter als ein Jahr. Darin lobt der bayerische Bundestagsabgeordnete die Afghanistan-Politik des damaligen US-Präsidenten Donald Trump und prophezeit ihm eine zweite Amtszeit. Dann herrscht monatelang Stille, bis zum vergangenen Sonntag. Am Nachmittag geht ein langer, emotionaler und anklagender Text online. Der erste Satz lautet: „Unser Vater und Ehemann Martin Hebner wird sterben.“
Der AfD-Politiker aus Dießen (Kreis Landsberg), bei der Bundestagswahl 2017 noch bayerischer Spitzenkandidat seiner Partei, ist an einem Hirntumor erkrankt und wird sich davon nicht mehr erholen. Ihm blieben nurmehr Tage, heißt es in dem Text, den offenbar die Familie des 61-Jährigen verfasst hat. In der Partei ist Hebners Erkrankung seit Langem bekannt, öffentlich gemacht wurde sie bis dato aber nicht. Ausgerechnet jetzt wird sein Sterben zum Politikum.
In ihrem Text klagt die Familie darüber, dass sich in die Trauer derzeit auch Angst mische. Grund seien Attacken auf das Haus in Dießen. In der Nacht auf Sonntag sei die Hauswand mit dem Text „warm anziehen“ und dem „Konterfei einer dem schwarzen Block wahrscheinlich nahe stehenden Person“ beklebt worden. Die Familie macht die Antifa verantwortlich und schreibt: „Drohungen dieser Art verbreiten Angst in einer Zeit, wo es möglich sein sollte, sich von einem Vater zu verabschieden.“
Die Vorwürfe gehen noch weiter, sie betreffen auch die Polizei. Kurz nach seiner ersten Operation sei Hebner auf offener Straße attackiert worden, ein Mann habe mit einem Knüppel auf den Schwerkranken eingeschlagen. Die Beamten hätten aber dazu geraten, keine Anzeige zu erstatten, „da dies zum einen wenig bringe und zum anderen im Zweifel zu noch mehr Aggression führen würde“.
So steht es im Text. Wer der Angreifer ist, bleibt offen. Rechte Blogs greifen die Geschichte dennoch begierig auf. „Antifa schlägt auf todkranken AfD-Politiker ein“, heißt es etwa bei „Philosophia Perennis“, das Portal „Jouwatch“ titelt fast wortgleich. Katrin Ebner-Steiner, AfD-Fraktionschefin im bayerischen Landtag, stellte am Montag sogar eine Anfrage an die Staatsregierung, in der sie mehr über den „Anschlag der linksextremistischen Antifa“ wissen will – und über den angeblichen Rat der Polizei.
Hebners Sohn wollte sich gestern nicht dazu äußern. Aus dem Umfeld der Familie heißt es aber, man sei verärgert über das, was Rechtsmedien und einzelne AfDler aus dem Facebook-Text gemacht hätten. Auch die Polizei wehrt sich entschieden. „Es ist nichts vertuscht und nichts abgewimmelt worden“, sagte ein Sprecher des zuständigen Polizeipräsidiums Oberbayern Nord.
Zwar gab es demnach eine Prügel-Attacke, im Juni 2020. Sie habe aber „keinerlei politischen Hintergrund“ gehabt, sondern sei eine „Auseinandersetzung im privaten Bereich“ gewesen. Dem Vernehmen nach bat Hebner den Mann, seinen Hund an die Leine zu nehmen, woraufhin dieser einen Stock vom Boden aufhob und den Politiker attackierte. Die Sache wurde wegen des Verdachts auf gefährliche Körperverletzung aufgenommen und lag bei der Staatsanwaltschaft Augsburg. Die stellte die Ermittlungen aber ein. Wegen der Wand-Aufkleber laufen Ermittlungen gegen unbekannt.
Hebner kann sich gegen die Instrumentalisierung seiner Person nicht mehr wehren. Seine Familie wendet sich nach dem Vorfall von Sonntag an „die Antifa“: „Lasst unseren Vater und Ehemann in Frieden sterben und streut in diesem Haus nicht noch mehr Angst“, heißt es bei Facebook. Die Polizei Dießen will nun verstärkt Streife fahren. M. MÄCKLER, P. SCHIEBEL