Kirche steht vor einer Zeitenwende

von Redaktion

Missbrauchsgutachten am 20. Januar – „Skandal bleibt hängen wie die Hexenverbrennung“

München – Die Spannung steigt und auch die Nervosität. Kommenden Donnerstag (20. Januar) wird in München das neue Missbrauchsgutachten über das Erzbistum vorgestellt. Die Kanzlei Westphal Spilker Wastl wird die 1600 Seiten umfassende Untersuchung präsentieren und verkünden, wer wann was gewusst hat und ob derjenige auch entsprechend seines Wissens gehandelt hat. Die Erzdiözese wird – nach einer ersten Prüfung – erst am 27. Januar Stellung beziehen. Wer von der Ordinariatsspitze am 20. Januar vor Ort sein wird, ist unklar. Eingeladen sind Kardinal Reinhard Marx, Generalvikar Christoph Klingan und die Amtschefin des Ordinariats, Stephanie Herrmann.

Kannte der frühere Kardinal Joseph Ratzinger, der 2005 zum Papst gewählt worden ist, die Hintergründe über den Missbrauchspfarrer Peter H. wirklich nicht? Wurden seine eventuellen Fehleinschätzungen von Nachfolgern vertuscht? Hat sein Nachfolger Friedrich Wetter als Erzbischof die notwendigen Schritte gegen H. eingeleitet? Hat der heutige Erzbischof Reinhard Marx angemessen reagiert? Und welche Rolle spielt der oberste Münchner Kirchenrichter Lorenz Wolf? Warum gab es keine Anzeige bei der Staatsanwaltschaft, warum kein kirchliches Strafverfahren?

Allein dem Fall Peter H. widmet das Gutachten 350 Seiten. Zudem heißt es, der emeritierte Papst Benedikt XVI. habe eine 82-seitige Stellungnahme abgegeben,

Mit dem bedrückenden Thema befasst sich auch die Aufarbeitungskommission für sexuellen Missbrauch im Erzbistum. Acht Mitglieder umfasst die Kommission – vier wurden von der Staatsregierung benannt, zwei vom Erzbistum, zudem sind zwei Vertreter des Betroffenenbeirats dabei. Zur Vorsitzenden haben sie ausgerechnet eine Frau gewählt, die aus der Kirche ausgetreten ist. Zur Jahrtausendwende schon, als Papst Johannes Paul II. den Ausstieg der Kirche aus der Schwangerenkonfliktberatung verlangt hatte, verabschiedete sich Michaela Huber von der Institution Kirche. Die heute 57-jährige Lehrerin und Schulpsychologin aus Dachau marschierte nach dem Austritt aus dem Standesamt direkt in die St. Jakobs-Kirche, um eine Kerze anzuzünden. „Tut mir leid, ab sofort müssen wir alles direkt ausmachen“, hat sie dem Herrgott beschieden.

Dass sie zur Vorsitzenden der Aufarbeitungskommission gewählt wurde, ist kein Zufall. Michaela Huber ist eine furchtlose Frau mit lauter, rauer Stimme, die sich nicht einschüchtern lässt. Das Leben hat aus einem einst harmoniebedürftigen Menschen eine Kämpferin gemacht. Mit 33 Jahren erkrankte sie an Krebs, hat aber nicht zugelassen, sich ihr Leben von der Krankheit bestimmen zu lassen. Jetzt, 20 Jahre später, ist der Krebs zurück. Aber davon will sie sich nicht kleinkriegen lassen. Ihre geliebte berufliche Tätigkeit musste sie aufgeben. Die aufwühlende Aufgabe der Aufarbeitungskommission, zu der sie vom Kultusministerium benannt wurde, hat sie nach anfänglichem Zögern angenommen. „Das ist ja das erste Mal, dass die etwas für die Betroffenen tun wollen“, sagt sie.

Als Feigenblatt will die Kommission, in der auch der renommierte Jugendpsychiater Professor Franz Josef Freisleder mitarbeitet, keinesfalls herhalten. Die Mitglieder drängten das Erzbistum zusammen mit den Betroffenen etwa auf die Einrichtung einer Anlaufstelle für die Betroffenen: Dass jetzt nach der Veröffentlichung des Gutachtens zwei Wochen lang sechs Psychologen von montags bis samstags auf einer Hotline den Opfern mit Rat und Tat zur Seite zu stehen, die sich erst jetzt melden, ist mit ein Verdienst des Gremiums.

Auch über die Höhe der finanziellen Entschädigung und die Kriterien der Vergabe wird hier diskutiert. Das System der Vergabe wird infrage gestellt. Bekommt derjenige mehr Geld, der den schlimmeren Missbrauch erlebt hat, aber sein Leben trotzdem in den Griff bekommen hat? Oder derjenige, bei dem der Übergriff nach außen hin scheinbar harmloser gewesen ist, der ihn aber komplett aus der Bahn geworfen hat? Huber plädiert dafür, allen 50 000 Euro zu zahlen – und das ganze Prozedere mit mehr Einfühlungsvermögen und echter Seelsorge zu verbinden. Eigentlich, so räumt sie ein, fände sie eine unabhängige staatliche Aufarbeitungskommission besser. So wie in Irland oder den Niederlanden. Denn letztlich unabhängig sei eine von der Kirche eingesetzte Kommission nicht – auch wenn sie im Münchner Erzbistum keinerlei Einschränkungen erfahren. „Es hängt halt vom jeweiligen Bischof ab“, sagt sie. „Ich hab gelernt, mich zu positionieren. Ich benenne die Dinge so, wie sie sind. Das führt bisweilen zu Konfrontationen. Aber ich stehe mit jeder Faser meines Herzens dazu“, beschreibt Huber ihre Vorgehensweise.

Ihre Direktheit und unverblümte Art fand offenbar auch Kardinal Marx spannend. Er lud sie ein zu einem Essen in seiner Küche, zum Gedankenaustausch ohne Protokoll. Kein Brimborium mit Eminenz und Gedöns. Ganz klar und einfach: Frau Huber im ernsthaften Gespräch mit Herrn Marx.

Dabei hat die Psychologin einiges erfahren über den Kardinal. Über die Systematik der Denke und der Verantwortlichen, die in einer Institution sozialisiert worden sind, „in der man seit hunderten von Jahren alles macht, um die Kirche zu schützen“. Wo die hohen Herren gar nicht wahrgenommen haben, dass man sich angesichts der schrecklichen Verbrechen auch anders hätte verhalten können.

Kardinal Marx hat mehrfach bekannt, dass er Fehler gemacht und einen Lernprozess durchgemacht hat. Noch 2010 habe er gedacht, es handele sich um Einzelfälle. Erst 2018, als bei der Bischofskonferenz in Fulda die MHG-Studie zum Missbrauch das Ausmaß des Schreckens offenbarte und ihn die Journalistin Christiane Florin vom Deutschlandfunk fragte, ob angesichts der Erkenntnisse ein Bischof seinen Rücktritt erklärt habe, hat er es verstanden. Seither hat ihn diese Frage nicht mehr losgelassen. Und sie hat ihn wohl auch zum Rücktrittsangebot 2021 bewogen, das der Papst dann nicht annahm.

Michaela Huber glaubt Reinhard Marx, dass er gelernt hat aus den Schrecken und Fehlern der Vergangenheit. Als Psychologin kann sie nachvollziehen, wie abgeschlossen die Priester in ihrem System waren. „Das soll keine Entschuldigung sein“, betont sie ausdrücklich. „Aber eine Erklärung.“ Die Kommission sei davon überzeugt, dass sie im Erzbistum nun „alles tun, was man machen kann. Das ist unser Eindruck. Die haben es kapiert – wenn auch sehr spät.“

Die Kirche stehe vor einem Paradigmenwechsel. Sie müsse einsehen, „dass sie kein eigener Kosmos sein kann, der außerhalb der Gesellschaft existiert, der seine eigenen Rechte, seine eigene Justiz hat. Das ist doch nicht zeitgemäß!“ In der Kommission wird auch überlegt, welch Formen der Wiedergutmachung es jenseits juristischer und finanzieller Möglichkeiten gibt. Zum Beispiel einen Priester, der Missbrauch begangen hat, aus einem Ehrengrab in ein normales Grab umbetten? Warum nicht?

Was die Reformbereitschaft der Kirche anbelangt, da ist die 57-Jährige skeptisch. Ein hierarchisches System von der Basis her zu verändern, das gehe fast nicht. Der Missbrauch werde an der Kirche kleben bleiben wie die Hexenverbrennung und die Kreuzzüge. „Das Einzige, das Kirche tun kann, ist, dass sie sich sofort einem anderen Menschenbild verschreibt und sich oben an der Kirchenspitze etwas ändert.“ Solange von Rom her homosexuelle Paare nicht gesegnet werden dürften, aber jedes Gartentürl, solange der Zölibat nicht aufgehoben wird und solange Frauen von allen Ämtern ausgeschlossen sind, solange tritt Michaela Huber auch nicht wieder ein. CLAUDIA MÖLLERS

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