Schon wieder ein Gipfelklau

von Redaktion

VON JOHANNES WELTE

Garmisch-Partenkirchen – Ein Septembermorgen im vorigen Jahr, es ist halb neun, Nebelschwaden wabern um das Gipfelkreuz. Plötzlich schälen sich zwei Schatten aus den Wolken. Ein Mann holt einen Meißel aus seinem Rucksack und schlägt mit dem Hammer ein Stück Stein aus dem Felsen. Es ist nicht irgendein Felsen, es ist der höchste Punkt der Bundesrepublik, der gerade um sechs Zentimeter geschrumpft ist. Eine Künstlergruppe hat den Gipfel der Zugspitze geklaut.

Zwei Männer vom Berliner Künstlerkollektiv P-A-R-A sind ausgerückt, um den Gipfelstein der jetzt nur noch glatt 2962 Meter hohen Zugspitze zu entführen. Ihr Anliegen: „Wir haben den Zugspitz-Gipfel als Geisel genommen, um im Austausch den Gipfelstein des Kilimandscharo an seine rechtmäßigen Besitzer zurückzugeben“, erklärt Jonas, Sprecher des Künstlerkollektivs, den Hintergrund der Aktion.

Um das zu verstehen, muss man 133 Jahre zurückblicken: 1889 bestieg der Leipziger Forscher Hans Meyer den höchsten Berg Afrikas, der damals in der Kolonie Deutsch-Ostafrika lag – heute befindet er sich in Tansania. Meyer nahm vom Gipfel des 5895 hohen Vulkans einen Stein mit, nachdem er ihn „Kaiser-Wilhelm-Spitze“ getauft hatte, und schenkte ihn nach der Rückkehr dem Monarchen in Berlin.

Wilhelm II. ließ einen Teil davon im neuen Palais in Potsdam in ein Gewölbe einbauen, wo er nach dem letzten Krieg verschwand. Ein anderer Teil befindet sich im Besitz eines österreichischen Antiquitätenhändlers, den wollen die Künstler dem Besitzer abkaufen, das „Lösegeld“ dafür soll mit dem Verkauf kleiner Kopien des Steins vom Kilimandscharo eingenommen werden.

Die Kunstaktion geschieht im Auftrag des staatlichen Völkerkundemuseums Leipzig, das gestern seine Teilwiedereröffnung feierte und sich Debatten über Raubkunst aus ehemaligen Kolonien wünscht.

In Garmisch-Partenkirchen ist man ratlos ob der Zugspitz-Entführung: „Wir haben anderes zu tun, wir haben Faschingsferien und damit Hochbetrieb “, heißt es bei der Zugspitzbahn auf die Frage, ob der Diebstahl aufgefallen sei. „Oh mei oh mei, des a no“, stöhnt man bei der Polizei, die nun gemeinsam mit der Staatsanwaltschaft erst mal prüft, ob das Entfernen des Gipfelsteins überhaupt einen Straftatbestand darstellt und wenn ja, welchen. Konrad Prielmeier von den Staatsforsten, die den Gipfel im Auftrag des Freistaats verwalten, zuckt mit den Schultern: „Wir können den Vorgang aktuell nicht prüfen, von daher möchten wir das Ganze auch nicht kommentieren.“ Sprich, der Gipfel ist für eine schnelle Nachschau einfach zu weit weg. Das örtliche Landratsamt kann auch keine Ordnungswidrigkeit erkennen, erklärt aber: „Unseres Wissens würde die Zugspitze weiterhin der höchste Berg in Deutschland bleiben, selbst mit der Abtragung.“

Es ist nicht das erste Mal, dass man mit dem Diebstahl des Zugspitz-Gipfels kokettierte: Im Oktober 2013 behauptete eine Aktivistengruppe schon eimal in einem Video, man habe den Zugspitzgipfel abgeflext und nach Österreich entführt. Im Nachhinein entpuppte sich das als Werbegag für eine Modellbaumesse in Wien – der Zugspitze fehlte kein Zentimeter.

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