Oberammergau – T-Shirts und Jacken mit dem Aufdruck „Passionsspiele 2022“ gibt es bei den Händlern in Oberammergau bereits zum halben Preis. Der prachtvolle Bildband ist noch nicht herabgesetzt. An diesem Donnerstag und den darauffolgenden Tagen wird Jesus auf der Bühne nochmals mit Hosianna-Rufen empfangen, verurteilt, ans Kreuz geschlagen, sein Leichnam abgenommen und ins Grab gelegt. Am Sonntag, 2. Oktober, ist dann aber Schluss. Zehn Minuten vor dem Ende, so viel verät Spielleiter Christian Stückl, werden die Tore geöffnet. Alle Mitwirkenden dürfen auf die Bühne und singen zum Abschluss ein Lied.
Schon gestern wurde Bilanz gezogen – eine rundum positive. Mit 91,25 Prozent Auslastung wurde das Ziel der Gemeinde (85 Prozent) übertroffen. Erstmals kam die Mehrheit der Gäste nicht aus Übersee, sondern aus dem deutschsprachigen Raum. Das Wetter spielte gleichfalls mit. Das Schutzdach über der offenen Bühne kam in diesem Sommer so selten wie nie zum Einsatz.
110 Vorstellungen sind es am Sonntag – und immer wieder musste Stückl improvisieren, pandemiebedingt kurzfristig andere Mitspieler suchen. Immer vormittags erhielt er die „Liste des Schreckens“. Einmal fielen beide Schächer aus, dafür sprangen zwei Apostel am Kreuz ein. Am nächsten Tag fehlten fünf der zwölf Jünger beim Abendmahl. Auch die Musik kämpfte mit Ausfällen. Als der Hornist krank darniederlag, sprang die erste Hornistin von der Augsburger Oper ein und spielte vom Blatt. „Fast jeder hatte einmal Corona“, nur er selber nicht, sagt der 60-jährige Stückl mit seinen langen Haaren – wie viele sehnt sich auch er nach einem Friseurtermin.
Rund 500 Spielberechtigte zogen zwar aus beruflichen und anderen Gründen zurück, sodass gut 1700 Erwachsene und Kinder blieben. Sie sorgten aber für ein Theatererlebnis, das von einem großartigen Orchester sowie Sängerinnen und Sängern unter der Leitung von Markus Zwink getragen wurde. Spiel- und Chorszenen gingen sanft ineinander über. Das in Erdfarben gehaltene Bühnenbild samt der farbprächtigen lebendigen Bilder mit Darstellungen aus dem Alten Testament von Stefan Hageneier erfreute nicht nur die Augen; zusammen mit dem Spiel der Darsteller berührte alles das Herz.
Der musikalische Leiter Zwink ist jetzt der Erste, der seinen Abschied angekündigt hat. „Da müssen jüngere ran“, sagt er. 1990 war er mit Stückl und Hageneier das erste Mal für die Passion verantwortlich. Bürgermeister Andreas Rödl hat angekündigt, dass Zwink nun die Ehrenbürgerwürde erhält. Stückl hat sie schon. Er selbst lässt noch nicht raus, wie es für ihn weitergeht. „Jetzt müssen wir uns neu formieren“, sagt er lediglich. „Ich war mal der jüngste Spielleiter und bin bald der älteste.“ Und unkt: „Vielleicht wäre auch ein gemeinsamer Schlussstrich ganz gut.“