Pflegekräfte flüchten in die Leiharbeit

von Redaktion

VON KATRIN WOITSCH

München – Eva Ohlerth ist seit mehr als 30 Jahren Altenpflegerin. Sie macht ihre Arbeit mit Herz. Genau deshalb hat sie die Bedingungen nicht mehr ausgehalten. Der ständige Zeitdruck, die gestressten Kollegen, die beschönigten Dokumentationen. Vor einigen Jahren gab sie ihre Stelle in einem Altenheim in Bayern auf und ging in die Schweiz. Dort gibt es bessere Personalschlüssel, höhere Gehälter, mehr Wertschätzung, berichtet sie. Nach Bayern ist die 63-Jährige aus privaten Gründen zurückgekehrt. In einem Heim wollte sie hier nicht mehr arbeiten. Weil sich die Bedingungen nicht verbessert haben, sagt sie. Doch nun hat sie einen Weg gefunden, die Arbeit, die sie liebt, wieder auszuüben – zu ihren Bedingungen.

Eva Ohlerth hat sich entschieden, zu einer Leiharbeitsfirma zu wechseln. Sie ist eine von mehr als 5000 Pflegekräften in Deutschland, die in den vergangenen fünf Jahren ihren Arbeitsvertrag gekündigt haben, um zu anderen Bedingungen zu arbeiten. „Ich kann mein Gehalt selbst festlegen“, erklärt Ohlerth. Als Leiharbeiterin wird sie 1000 Euro netto mehr verdienen. Sie will keine Nacht- und Wochenendschichten mehr machen, sagt sie. Auch das legt sie selbst fest. Von der Leiharbeitsfirma wird sie fest angestellt. Die vermittelt sie an Krankenhäuser oder Heime, die Engpässe im Dienstplan ausgleichen müssen.

Die Leiharbeiter werden nach dem Gehalt bezahlt, das sie vorgeben, auch die Vermittlungsfirmen verlangen eine Gebühr. Wenn die ausgeliehenen Pflegekräfte keine Spät- oder Wochenenddienste übernehmen wollen, bleiben mehr dieser Schichten für die festangestellten Pflegekräfte übrig. Eva Ohlerth sieht darin kein Problem: „Es gibt Kollegen, für die gerade diese Schichten reizvoll sind, weil es einen Zuschlag gibt, oder weil es die Kinderbetreuung leichter macht.“ Die Leiharbeiter können ihren Einsatzort jederzeit wechseln, wenn die Arbeitsbelastung zu groß oder das Klima in einer Einrichtung für sie unerträglich ist. Es sind Bedingungen, von denen festangestellte Pflegekräfte nur träumen können. „Viele Einrichtungen werben mit Parkplätzen oder kostenlosen Getränken, um Pflegekräfte zu finden“, sagt Ohlerth. Die Arbeitsbedingungen würden sich aber nicht verändern. Die 63-Jährige wundert es nicht, dass so viele ihrer Kollegen mittlerweile lieber für Leiharbeitsfirmen arbeiten.

Viele Heime können auf diese Unterstützung nicht verzichten – obwohl die unterschiedlichen Arbeitsbedingungen für Spannungen unter den Pflegekräften sorgen. Auch Eva Ohlerth hat von Kollegen kritische Stimmen gehört, berichtet sie. „Aber es gibt auch Pflegekräfte, die dankbar für diese Unterstützung sind. Weil sie sonst noch mehr arbeiten müssten.“ Sie kann nicht verstehen, warum die Leiharbeit so verteufelt werde. „Ohne sie würde es schon lange nicht mehr gehen.“

Da gibt ihr Georg Sigl-Lehner Recht. Er ist Präsident der Vereinigung der Pflegenden in Bayern und Leiter eines Pflegeheims in Altötting. „Die Not ist groß“, für viele Einrichtungen sei Leiharbeit die einzige Chance, Lücken in den Dienstplänen zu füllen, sagt er. In seinem Heim war es noch nicht nötig. Aber nur, weil Pflegekräfte aus anderen Heimen desselben Trägers kurzzeitig einspringen konnten. Sigl-Lehner tut alles, um die Leiharbeit in seinem Heim zu verhindern. „Es sind sicher gute Pflegekräfte, die über die Firmen vermittelt werden“, betont er. Durch den zeitlich begrenzten Einsatz sei aber nicht nur die Teambildung schwierig. Die Vorteile der einen würden zu Nachteilen für die festangestellten Pflegekräfte führen. Außerdem ärgert es ihn, dass vor allem die Leiharbeitsfirmen durch die Not in der Pflege verdienen.

Dass so viele Kräfte in die Leiharbeit abwandern, bereitet dem Heimleiter große Sorgen – auch wenn er die Beweggründe dafür nachvollziehen kann. Denn der Personalmangel in Heimen und Krankenhäusern werde dadurch noch verschärft. Um gegenzusteuern, bräuchte es eine umfassende Reform in der Pflege, sagt er. Andere Personalschlüssel, mehr Pflegehelfer als Entlastung für die Pflegekräfte – und natürlich auch eine bessere Bezahlung. Aber es seien vor allem die harten Bedingungen, wegen denen viele Pflegekräfte aufgeben. „Ohne Überstunden würden die aktuellen Personalschlüssel schon lange nicht mehr funktionieren“, sagt Sigl-Lehner.

Eva Ohlerth ist in die Leiharbeit gewechselt, um ihren Beruf nicht aufzugeben. „Ich mache das, weil ich menschenwürdige Arbeitsbedingungen will, geregelte Wochenenden und einen fairen Lohn.“ Sie hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass sich in der Pflege etwas verändern könnte. Auch deswegen, weil der Druck durch die Leiharbeit immer größer werden wird.

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