Streit ums Studium der Physiotherapie

von Redaktion

München – Gegen Rückenschmerzen, zur Reha nach einer Operation oder bei manchen chronischen Erkrankungen: Es gibt unzählige Gründe, warum Ärzte Physiotherapie verschreiben. Auf die lindernde Behandlung müssen Kassenpatienten jedoch oft wochenlang warten. „Unsere Branche leidet extrem unter einem Fachkräftemangel“, bestätigt Markus Norys, bayerischer Vorsitzender des Deutschen Verbandes für Physiotherapie. 111 Tage dauere es im Schnitt, bis eine freie Stelle neu besetzt werde. Seit 15 Jahren diskutieren Berufsverbände, Wissenschaftsrat und Politiker, wie der Beruf attraktiver wird.

Aktuell erarbeitet eine Arbeitsgruppe des Bundesgesundheitsministeriums einen Gesetzentwurf, um die Ausbildung für die Berufsgruppen Physiotherapie und Masseur/medizinischer Bademeister bundesweit einheitlich zu gestalten. International hat sich, auch im Zuge des Bologna-Prozesses, in dem die Ausbildungswege in Europa vereinheitlicht werden, ein Studium der Physiotherapie durchgesetzt.

In Deutschland entstand derweil ein unübersichtlicher Mix an Wegen zu dem Heilberuf: Neben den klassischen staatlichen und privaten Fachschulen, bieten private und staatliche Hochschulen entweder Vollzeit-, Aufbau- oder integrative Studiengänge an. In Bayern bilden 36 Schulen aus, von denen 80 Prozent in privater Hand sind. Dazu gibt es einen staatlichen primärqualifizierenden Studiengang in Rosenheim, ein kostenpflichtiges Studium an der Fresenius-Hochschule in München sowie ein sogenanntes integratives Studienangebot in Regensburg, an dem motivierte Fachschüler in ihrer Freizeit zusätzlich studieren können.

Für Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU) ist der Beruf in erster Linie ein Handwerk, das gut an einer Fachschule unterrichtet werden könne. Er fürchtet, dass Schüler mit mittlerem Schulabschluss ausgeschlossen würden, wenn ein flächendeckendes Studium eingeführt wird: „Aufstiegsmöglichkeiten müssen gefördert werden, nicht beschnitten.“

Der Verband für Physiotherapie schlägt vor, dass Absolventen zum Masseur/Medizinischen Bademeister der Zugang zum Physiotherapie-Studium auch ohne Abitur ermöglicht werden sollte. Auch um sehbehinderten Jugendlichen einen Berufseinstieg zu ermöglichen.

Tatsache ist: Fachschulen können ihre Plätze gerade so füllen, während die Studienangebote bei Schulabsolventen stark nachgefragt sind. „Es gibt ca. 300 Bewerber für die 60 Plätze in Rosenheim“, sagt Norys. Er glaubt: „Immer mehr Jugendliche machen Abitur, viele wollen dann auch ein Studium beginnen.“ Kritiker warnen, dass junge Menschen hinterher auch gut verdienen wollen.

Markus Norys ist Inhaber einer Praxis in Garmisch-Partenkirchen. Stünde er heute vor der Wahl, würde er studieren: „Wir brauchen den reflektierten Praktiker in der Praxis. Die Krankheitsbilder werden komplexer, die Menschen älter und kränker. Wir brauchen die Augenhöhe und die professionelle Zusammenarbeit mit Heilberufen wie den Ärzten. Die dafür nötigen Kenntnisse können an einer Hochschule besser vermittelt werden.“

Auch Gesundheitsminister Holetschek sieht bei der Ausbildung an Fachschulen Verbesserungsbedarf: „Die Qualität der schulischen Ausbildung können wir weiter steigern und die Ausbildung so zukunftsfähig machen.“

Immer wichtiger wird auch der Bereich evidenzbasierte Therapie. Solche Studien gibt es jedoch in Deutschland praktisch nicht. „Wir behelfen uns mit Erkenntnissen aus anderen Ländern. Auch für die Forschung brauchen wir an der Hochschule ausgebildete Physiotherapeutinnen und -therapeuten“, sagt Norys. Doch Wissenschaftsminister Markus Blume (CSU) ließ den Deutschen Verband für Physiotherapie schon zweimal abblitzen.

Holetschek immerhin plädiert dafür, die bisherigen Hochschulangebote beizubehalten. In Bayern sollten jedoch weiter viele Wege zum beruflichen Erfolg führen. VON SUSANNE STOCKMANN

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