Rettung aus der Finsternis

von Redaktion

Restschnee birgt Gefahren: Bergwacht im Dauereinsatz

Als die Bergwacht bei den vier frierenden Wanderern am Zwieselgrat ankommt, versorgt sie sie mit warmen Jacken. In der Dunkelheit leuchten nur die Taschenlampen, bis ein Helikopter mit Nachtflug-Berechtigung anrücken kann. © BRK BGL

Schneizlreuth – Im Dunkeln waren sie nur in T-Shirt, Shorts und mit Sneakern unterwegs – und bekamen es auf dem schmalen Grat in gut 1500 Metern Höhe mit der Angst zu tun. Vier junge Wanderer hat ein 20-köpfiges Team der Bergwacht in der Nacht auf Ostermontag vom Zwieselsteig in Schneizlreuth im Berchtesgadener Land gerettet. Die Freunde aus dem Kreis Traunstein hatten am Ostersonntag spontan beschlossen, den Gamsknogel samt Zwiesel in Angriff zu nehmen. Erst gegen 14 Uhr brachen sie in Adlgaß auf. Für die Tour braucht man wegen ihrer 1000 Höhenmeter und geschätzten Zeit von bis zu sechs Stunden Kraft in den Wadln. Sieben Stunden später setzten sie den Notruf ab.

Die Truppe war ohnehin nur langsam vorangekommen, hatte aber auf dem Gipfel des 1750 Meter hohen Gamsknogel trotzdem entschieden, über den ausgesetzten Grat zum Zwiesel zu kraxeln. „Wegen des Altschnees und der Dunkelheit kamen sie dann endgültig nicht mehr weiter“, berichtet Markus Leitner, Sprecher des Bayerischen Roten Kreuzes Berchtesgadener Land. Also stiegen zwei Rettungstrupps auf, um ihren Wärmeerhalt zu sichern. „Sie froren vor allem durch ihre nassen Füße gewaltig.“

Der Fall ist nur ein Beispiel für das, was Bayerns Bergwachtler gerade oft erleben. Im Berchtesgadener Land sind sie aktuell im Dauereinsatz. Schon der Karsamstag war turbulent, vier Einsätze mussten parallel bewältigt werden. „Die Einsatzzahl ist bedingt durch gutes Wetter in Kombination mit Tourismus“, sagt Leitner. Viele Urlauber hätten sich wegen des wiederholt milden Winters aufs Wandern in den Bergen eingestellt. Doch in Senken, schattigen Nordflanken und Höhenlagen werde das Wandern im Altschnee zum Kampf.

Am Karsamstag mussten drei Wanderer aus Schleswig-Holstein auf Klettertour zum Hochkalter zwischen Steinberg und Schärtenspitze kapitulieren. Im noch immer winterlichen Gelände kamen sie weder vor noch zurück – „Blockade“ nennt das der Bergwachtler. Zwei Bergretter bohrten im Absturzgelände gegen 17 Uhr einen Stand, um das unverletzte Trio per Hubschrauber auszufliegen. Um dieselbe Zeit wählte ein Paar aus Salzburg den Notruf, es steckte auf 1600 Metern Höhe am Wachterlsteig im Altschnee fest. Auch im Oberland rückt die Bergwacht zu solchen Fällen aus. Das gute Wetter hält und so machten sich auch am Dienstag zwei Bergsteiger auf die Aiplspitz (1759 Meter) bei Geitau im Kreis Miesbach auf. An der Nordwestflanke hatten sie sich verstiegen und drohten abzurutschen. „Das sind Klassiker“, sagt Markus Leitner. „Sie wiederholen sich seit einigen Jahren immer um Ostern rum.“ Und die Fallzahlen steigen.

Selbst mit geeigneter Ausrüstung blieb das Wetter an Ostern unberechenbar. Zwei Skitourengeher aus Garmisch-Partenkirchen und zwei aus Erding gerieten deshalb in den Stubaier Alpen in Not. Schon am Samstag hatte sie dichter Nebel überrascht und zu einer Nacht in einem Winterraum auf 3145 Metern Höhe gezwungen. „Draußen waren es minus sieben, minus acht Grad“, berichtet Philipp Braunhofer von der Bergrettung Ridnaun-Ratschings. Nachdem sie die Skitourengeher am Sonntagmorgen in speziellen Zelten aufgewärmt hatten, bugsierten die Bergretter sie am Seil unter die Nebelgrenze, wo der Helikopter wartete.

Von den grünen Tälern aus lässt sich die Lage in den Bergen aktuell schwer einschätzen. „Hartnäckige Altschneefelder können die Orientierung schwer machen. Man erkennt den Weg nicht, kann einbrechen, abrutschen oder abstürzen“, sagt Leitner. „Wer auf Nummer sicher gehen will, kann auf die höheren Gipfel vorerst verzichten und Wanderungen auf Berge wählen, wo der Schnee schon komplett weggetaut ist.“ Der Experte rät Urlaubern zudem, sich vor Tourantritt bei Ortskundigen zu informieren. Die Wanderer, die die Berchtesgadener Bergwacht zuletzt alarmierten, hätten Glück im Unglück gehabt: dank Handy-Empfang und Rest-Akku konnten sie den Notruf überhaupt wählen.
SCO/WE

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