Die Streichliste der S-Bahn

von Redaktion

Bereits 2024 zahlreiche Linien ausgedünnt – das wird zum Dauerzustand

Bleibt Sorgenkind des Nahverkehrs: S-Bahn am Tunneleingang. © Ulrich Wagner/pa

München – Die Bahn nennt es „nachfragegerechte Anpassung in Randzeiten“. Das klingt nach einem marginalen Problem. Doch man könnte auch von einer Streichliste sprechen. Seit nunmehr eineinhalb Jahren, mit dem Fahrplanwechsel im Dezember 2024, hat die S-Bahn das Zugangebot verschiedener Linien in der Früh und in der Nacht ausgedünnt. Das Ausmaß zeigt jetzt eine gemeinsame Recherche unserer Zeitung mit dem Bayerischen Rundfunk.

Fast jede Linie ist betroffen, am stärksten die S1, die S2, die S4 und die S6. Teilweise entfallen Zugfahrten, die erst 2022 eingeführt worden waren. So wurde die S-Bahn ab 9.19 Uhr Dachau nach Ostbahnhof (Ankunft 9.50 Uhr) gestrichen, ebenso ein Zug nachmittags (Ostbahnhof ab 15.11 Uhr, Ankunft Dachau 15.41 Uhr) sowie weitere drei Zugverbindungen zwischen 21.31 und 22.22 Uhr. Insgesamt sind es Dutzende Zugfahrten, die gerade an den Außenästen weggefallen sind. Dort gibt es mitunter wieder 40-Minuten-Takt. Als die Bahn das damals ankündigte, war der Protest schwach. Lediglich der Fahrgastverband Pro Bahn kritisierte auch mit Blick auf damals zeitgleich vorgenommene Streichungen bei der U-Bahn-Linie U6, ein „so deutliches Auseinanderlaufen von Leistungs- und Preisentwicklung hatten wir lange nicht“. Der Umstieg auf die Bahn reduziere auch den Ölbedarf „und sollte in der aktuellen Lage unterstützt werden“, sagt Landeschef Marco Kragulji. Durch Streichungen werde dieses Ziel „konterkariert“.

Die Bahn hatte die Ausdünnung des Fahrplans im November 2024 in einer Pressemitteilung angekündigt. Sie versuchte, das positiv zu verkaufen: Damals wurde eine neue S5 eingeführt, die ab Pasing, in der Hauptverkehrszeit schon ab Germering, durch die Stammstrecke bis ans andere Ende Münchens (Kreuzstraße) führt. „Um diese Neuerungen zu ermöglichen, kommt es auf allen Linien in Randzeiten, insbesondere am frühen Morgen am Wochenende und nachts, sowie bei Verstärkerzügen zu Anpassungen.“ Davon seien „überwiegend schwach nachgefragte Fahrten mit teilweise einstelligen Reisendezahlen“ betroffen. Wie das Beispiel der S2 zeigt, stimmt das mit den „Randzeiten“ nicht immer. Auch bei der S3 wurden Verstärkerzüge in der Hauptverkehrszeit ersatzlos gestrichen – die Züge ab Pasing 8.39 Uhr Richtung Maisach und Maisach ab 16.01 Uhr Richtung Pasing entfielen ab 2024 ersatzlos.

Verantwortlich für die Streichungen ist nicht die S-Bahn, sondern das bayerische Verkehrsministerium. Die ihr unterstellte Bayerische Eisenbahngesellschaft (BEG) bestellt jede einzelne Zugverbindung bei der S-Bahn. Die Höhe des sogenannten Bestellerentgeltes ist geheim. In Branchenkreisen wird gemutmaßt, dass der Freistaat hier gekürzt hat – auch weil es vom Bund nicht mehr Mittel gibt.

Dass die Kürzungen zurückgenommen werden, ist nicht zu erwarten. Im Gegenteil: Es gibt aktuell weitere Einschränkungen, etliche Baustellen stehen an. So gibt es vom 26. März bis 18. April einen kompletten Haltausfall an den Stationen Isartor und Rosenheimer Platz. Der Flughafen ist von 19 bis 23. März nicht mit der S-Bahn zu erreichen, weil auf beiden Linien S1 und S8 gleichzeitig Bauarbeiten stattfinden. Und das sind nur einige Beispiele von vielen.DIRK WALTER

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