KOLUMNE

Daumen hoch!

von Redaktion

Neulich im Stadion. Hinter uns sitzt ein Junge, ungefähr sieben Jahre alt. Er kommentiert jeden Spielzug seiner Mannschaft. Er hat etwas zu sagen, der junge Mann, und zwar pausenlos. Das kann einen amüsieren und eine gewisse Bewunderung abnötigen, weil der Bub sich wirklich bestens auskennt. Aber zeitweise fühle ich mich so, als säße mir ein kleiner Cäsar beim römischen Gladiatorenkampf im Genick. Denn ab und zu fällt er ein hartes Urteil.

Das Stadion ist wie zu Urzeiten das Kolosseum komplett gefüllt – 75.000 in München. In Rom passten ungefähr genau so viele Zuschauer ins Amphitheater. Wenn man Hollywoodfilmen glaubt, bekämpften sich die Gladiatoren bis aufs Schwert. Am Ende: Daumen runter oder Daumen hoch? Todesstoß oder Verschonen? Das Volk gab seine Meinung lauthals kund. Am Ende entscheidet der Imperator. Im Film.

Daumen hoch hat damals das Ende für den Besiegten bedeutet. Der erhobene Daumen steht, auch wenn Historiker darüber bis heute diskutieren, vermutlich für das Schwert, mit dem der Unterlegene getötet wird. Wenn der Gladiator trotz Niederlage Sympathien gewonnen hatte, verhalf ihm ein in die Faust gedrückter Daumen zum Weiterleben. Der quirlige Cäsar hinter mir kennt aus den Sozialen Medien nur das moderne Daumen hoch, like it, gefällt mir. In der bayerischen Arena ist wie in Rom kaum Platz für feinsinnige Gesprächskultur.

Am Palmsonntag wird an den Einzug Jesu in Jerusalem gedacht. Kein Gladiator, kein Fußballstar – ein kreativer, spiritueller Führer. Der Sohn Gottes. Mit riesigen Erwartungen steht das Volk am Straßenrand. Hosianna! Rette uns!, rufen sie. Stark soll er sein. Alle Feinde soll er vernichten, die im eigenen Land und die, die von außen kommen. Fette Likes kriegt Jesus. Der Daumen zeigt bei allen in Richtung Triumph. Daraus wird nichts.

Jesus ist nicht geeignet für Blutgrätschen im konkreten und übertragenen Sinn. Er ist nicht der Mann fürs Grobe, sondern für das Feine, Sensible, für die Zwischentöne des Lebens – und für ein klares Ja oder Nein, wo es das braucht. Er ist eigene Wege gegangen, ohne auf irgendwelche Likes zu achten. Das kostet ihn Kopf und Kragen. Aus dem „Hosianna“ am Palmsonntag wurden im Handumdrehen „Kreuzige ihn!“-Rufe.

Enttäuschte Erwartungen müssen verarbeitet werden. Das ist oft schwer. Aber Hinrichtungen jedweder Art sind nicht der Königsweg. Was Mensch und Gesellschaft brauchen, sind Erwartungen, die weitherzig Raum lassen. Dafür, dass der andere anders ist, als man denkt – und sich weiterentwickelt, so, wie man es vielleicht nicht vermutet hatte. Raum dafür, dass man sich selbst auch verändert – und vor allem für Fehler, die jeder macht.

Allerdings – Harry Kane, der Brite im Bayern-Dress, muss nicht zwei Torchancen in einem Spiel versemmeln. Da hat Klein-Cäsar unbedingt Recht.

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