INTERVIEW

Papierträume in zarten Schalen

von Redaktion

Stefan Linner (48) aus München schafft filigrane Kunstwerke aus Eiern

Dieses Ei zeigt einen Tanz um den Maibaum.

Auf seine Kunstwerke aus Eierschalen ist Stefan Linner stolz. Er präsentierte sie auf dem Andechser Ostereiermarkt. © Marcus Schlaf (3)

München – Eier gehören zu Ostern. Doch Stefan Linner denkt beim Ei an Kunst. Mit unglaublicher Präzision erschafft er mit Eiern winzige Welten, die Besucher staunen lassen. Ein Gespräch über Geduld, Präzision – und die Kunst, ein Ei zu schneiden, ohne dass es dabei zerbricht.

Herr Linner, andere Menschen frühstücken Eier – Sie verwandeln sie in winzige Kunstwerke. Wie begann Ihre Leidenschaft?

Ich habe an Ostern versucht, eine Blaumeise auf ein Ei zu malen. Das Ergebnis war besser als gedacht, und so habe ich das Malen immer weiter perfektioniert. Zunächst war ich mit bemalten Eiern auf Ausstellungen. Später habe ich die Technik gewechselt, weil ich mich von den vielen Malern abgrenzen wollte. Es gab zwar schon Papier-Kunst – aber nicht dreidimensional, wie ich es machen wollte.

Welche Werkzeuge benutzen Sie, um diese filigranen Öffnungen und Miniaturen zu schaffen?

Ein sehr scharfes Skalpell – das wechsle ich meistens von Ei zu Ei. Es gibt verschiedene Klingengrößen. Außerdem benutze ich Zahnstocher zum Auftragen von Kleber, damit man keine Klebekanten sieht. Sekundenkleber ist dabei Fluch und Segen zugleich. Pinzetten sind sehr wichtig, ebenso Kugelstifte, mit denen ich Prägungen machen kann. Und natürlich Papier in verschiedenen Dicken und Ausführungen.

Wie schwierig ist es, ein Ei zu schneiden, ohne dass es zerbricht?

Natürlich muss ich mit Gefühl und Vorsicht schneiden – mir geht aber fast nie eines kaputt. Ich habe einen Dremel mit einem Diamantschneidrad und dann schneide ich das Ei auf oder an, je nachdem was ich gerade brauche.

Bei so viel Feinarbeit geht sicher auch mal etwas schief…

Fast nie. Meine Kaputt-Quote liegt unter einem Prozent.

Ihre Kunst verlangt enorm viel Geduld und eine ruhige Hand. Was benötigt man mental?

Innere Ruhe. Wenn man nicht ausgeglichen ist, funktioniert das nicht. Papierkunst ist für mich mentales Yoga – in dem Moment fahre ich runter und tauche in eine andere Welt ein. Die Außenwelt bekomme ich gar nicht mehr mit. Ich glaube, draußen könnte die Welt untergehen – ich würde es gar nicht merken. Deshalb vergehen die Stunden auch so schnell. Irgendwann schaue ich auf die Uhr und es ist plötzlich 1 Uhr nachts – dann kann ich aber auch nicht mehr sitzen.

Sie arbeiten mit Wellensittich-, Enten-, Nandu-, Hühner- und Gänseeiern. Was fasziniert Sie an den unterschiedlichen Eiern?

Die unterschiedlichen Größen und Strukturen. Bei großen Eiern kann ich mich mehr austoben mit größeren Motiven und Welten. Ein Entenei ist ganz glatt. Ein Gänseei ist etwas rauer, aber dafür sehr stabil. Damit kann ich mehr machen. Ein Wellensittichei ist einfach nur sehr klein, um 1,3 Zentimeter.

Woher kommen Ihre Ideen?

Aus dem Alltag, aus Erlebnissen oder spontanen Einfällen. Ich führe eine Ideen-Liste. Ich weiß, zum Beispiel, dass ich „Alice im Wunderland“ bauen möchte. Aber wie die Szene dann genau aussieht, wie viele Pilze es gibt oder wie der Weg gestaltet ist, entsteht beim Arbeiten.

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