Ein Manifest voller Hass

Amoktäter hetzte offenbar gegen Frauen und Juden – Plante er eine Live-Übertragung?

Spezialkräfte der Polizei im Einsatz am Welfen-Gymnasium in Schongau nach der mutmaßlichen Amoktat eines 16-Jährigen. © Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Schongau – Es sind 19 Seiten voller Hass – gegen fast jede Minderheit und gegen Frauen. Der „Spiegel“ zitiert aus einem Manifest, das der 16-jährige Ex-Schüler des Welfen-Gymnasiums im Internet veröffentlicht haben soll, kurz bevor er am Mittwoch zu seinem geplanten Amoklauf an der Schule aufgebrochen sei. Dort gab er mit einer Pistole einen Schuss ab und verletzte mit einem Messer zwei Schülerinnen schwer.

Das „Manifest“ wurde dem Magazin zufolge auf Englisch ins Internet gestellt – auf einem einschlägigen Internetkanal einer Szene, die Amokläufe verherrlicht und Tötungsfantasien hat. Auf einem mittlerweile gelöschten Tiktok-Account wurde kurz vor Beginn des Amoklaufs zudem ein Livestream angekündigt, der aber nicht stattgefunden habe. Die Münchner Staatsanwaltschaft bestätigt, dass es erste Hinweise gebe, dass die Tat live im Internet übertragen werden sollte.

Der Autor habe das Manifest verfasst, „um zu erläutern, warum ich getan habe, was ich getan habe, und welche Überzeugungen ich habe“, heißt es. Der Verfasser bezeichnet sich selbst als „hoffnungslosen 16-Jährigen mit viel zu viel Hass im Herzen“. Sein Leben sei von Anfang an „zum Scheitern verurteilt“ gewesen. In der Schule sei er „gemobbt, angegriffen und ausgeraubt“ worden. Er beleidigt Muslime, Schwule, Transpersonen und übergewichtige Menschen, er äußert auch Gewaltfantasien gegen „laute Kinder“. Frauen werden als „zurückgebliebene Tussis“ und „geldgierige Schlampen“ bezeichnet. Außerdem benutzt er ein Schimpfwort aus der „Incel-Szene“ – Männer, die „involuntary celibate“ sind – auf Deutsch: unfreiwillig sexuell enthaltsam. Sie suchen die Verantwortung dafür aber nicht bei sich, sondern beim anderen Geschlecht.

Der Autor bezeichnet sich zudem als „rechtsgerichtet“ und als „faschistischen Akzelerationisten“. Das sind Menschen, die glauben, dass die westliche Zivilisation dem Untergang geweiht und ein „Rassenkrieg“ unausweichlich sei. Eine Entwicklung, die es zu beschleunigen gelte, bevor die „weiße“ Bevölkerung weiter dezimiert werde. Attentate sollen eine Gewaltspirale in Gang setzen, die die liberale Demokratie zerreißt. Der Autor verherrlicht Anschläge und Amokläufer, etwa einen Schulattentäter, der im März in Argentinien eine 13-Jährige erschoss, und einen 20-jährigen Massenmörder, der im Dezember 2012 an einer Grundschule in den USA zwanzig Kinder und sechs Erwachsene umbrachte. Er verherrlicht auch den Attentäter von Christchurch (Neuseeland), der im November 2019 mehr als 50 Menschen tötete: „Das war definitiv der Moment, in dem ich wusste: Ich musste töten“, wird er zitiert. Außerdem prahlte der Verfasser damit, dass er Anschläge auf zwei Moscheen in und nahe Schongau geplant habe. Und er nehme jeden Tag seine Pistole mit in die Schule. Nach der Tat wolle er sich umbringen, heißt es in dem 19-seitigen Schreiben. In „weniger als einer Woche“ – womöglich ein Hinweis auf das Datum, an dem das Schreiben verfasst wurde.

Den Recherchen des Spiegel zufolge sei es naheliegend, dass das Dokument echt sei und von dem 16-jährigen Tatverdächtigen stamme. Der Sprecher der Staatsanwaltschaft München II, Michael Meyer, bestätigte gegenüber unserer Zeitung, dass dieses Schreiben den Ermittlern bekannt sei: „Wir prüfen die Echtheit.“

Ehemalige Mitschüler beschreiben den 16-Jährigen als seltsam. Er habe immer die gleiche Kleidung getragen, im Winter keine Winterjacke. Statt den Zug oder den Bus zu nehmen, sei er lieber zu Fuß täglich fünf Kilometer zur Schule gegangen. Er sei nicht integriert gewesen und habe zu plötzlichen Ausbrüchen geneigt, hauptsächlich gegenüber Mädchen.JOHANNES WELTE

Samstag, 11. Juli 2026
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