Trost für den Todesfahrer
Zwei Schwestern sterben bei Frontalunfall – Eltern vergeben dem Verursacher vor Gericht
Vor Gericht: Der Angeklagte mit Anwalt.
Der Unfallwagen nach dem Zusammenstoß. © Höfig/NEWS5
Auf dem Weg zum Erntedank-Gottesdienst starben die Schwestern Adelina (16) und Dina (19). © Privat
Bad Kissingen – Auf dem Heimweg von einer Feier in Unterfranken war ein 51-Jähriger am 9. November des vergangenen Jahres für einen kurzen Moment unaufmerksam, rammte erst die Leitplanke und dann den Wagen zweier Schwestern: Für die 19-jährige Dina und ihre 16-jährige Adelina kam jede Hilfe zu spät. Gestern traf der Unfallverursacher im Amtsgericht Bad Kissingen auf die Eltern der Getöteten. Doch statt ihn zu verurteilen, spendeten sie ihm Trost.
Für die Staatsanwältin war die Sache klar: „Er war auf der Staatsstraße von Langenleiten nach Wildflecken mit überhöhter Geschwindigkeit von 104 bis 114 km/h unterwegs. Aus unbekannter Ursache, jedenfalls aufgrund Missachtung der im Straßenverkehr erforderlichen Sorgfalt, kam der Angeklagte nach links von der Fahrbahn ab und touchierte hier die Leitplanke.“ Die Schwestern im Mazda versuchten auszuweichen, doch es kam zum Frontalzusammenstoß. „Die Kollision war für die Geschädigten nicht vermeidbar“, so der Gutachter.
Mit den Worten „Ich fahre vorsichtig“ hatte sich Dina an jenem Morgen gegen 7.30 Uhr noch von ihren streng gläubigen Eltern verabschiedet. Die Schwestern wollten zu einem Erntedankgottesdienst, hatten extra einen Kuchen für die Baptisten-Gemeinde gebacken. Nach dem Crash hatte der Unfallverursacher Dina noch aus dem Wrack gezogen, mit einem Ersthelfer die Unfallstelle abgesichert. Im Krankenwagen bekam er dann die Todesnachricht und bemühte sich schon kurz darauf um Kontakt zur Familie der Opfer.
„Ihnen sind die Kinder und Geschwister genommen worden“, wandte er sich im Saal an die Hinterbliebenen. „Das ist die größere Strafe als das, was auf mich zukommt.“ Doch die Reaktion war kein Hass, keine Wut und keine Verbitterung. Vater Andreas W. (53) ging zu ihm, legte seine Hand auf seinen Arm und sagte: „Gott hat Sie so geführt, Gott macht keine Fehler – auch wenn wir es nicht verstehen.“ Hebamme wollte Adelina werden, Dina ließ sich zur Bürokauffrau ausbilden. „Jetzt hat sie eine bessere Stelle bei Gott“, hatte ihr Vater schon kurz nach dem Unfall gesagt.
Das Urteil fiel bereits nach einer Stunde: 150 Tagessätze à 70 Euro wegen fahrlässiger Tötung, dazu ein Monat Fahrverbot. Richterin Jasmin Wuffka hielt dem Angeklagten zugute, dass er nicht betrunken und nicht abgelenkt vom Handy war. „Das kann jedem von uns jeden Tag passieren. Es war ein tragisches Zusammentreffen.“ Im Prozess wurde bekannt, dass der Industriemechaniker selbst als Gruppenführer bei der Feuerwehr Menschenleben rettete und nie zuvor mit dem Gesetz in Konflikt gekommen war. Nicht mal einen Punkt in Flensburg hatte er. Autofahren will er nicht mehr.
Nach dem Prozess verließ er gemeinsam mit Adelinas und Dinas Familie das Gericht. Sie hatten schon bei der Beerdigung der Schwestern für ihn gebetet. Mutter Lidia sagt: „Wir beschuldigen ihn nicht, es kann jedem passieren.“