„Der nicht“: Augsteins Fehde mit FJS
Eine Biographie beleuchtet die Hassliebe des Spiegel-Herausgebers zu Franz Josef Strauß
„Der Verlierer“: Spiegel-Titel nach der Wahl 1980.
München/Hamburg – Er sah sein Blatt als „Sturmgeschütz der Demokratie“ und zählte zusammen mit Axel Springer und Henri Nannen zu den großen Verlagsgründern der Nachkriegszeit: Rudolf Augstein (1923–2002). Zwei Spiegel-Redakteure haben nun, durchaus kritisch („wer sich ihm in den Weg stellte, musste über kurz oder lang das Blatt verlassen“) die erste große Biographie vorgelegt. Sie ist auch interessant, weil sie das Verhältnis von Augstein zu einem seiner größten Gegner illustriert: zu Franz Josef Strauß.
In Spiegel-Manier süffig erzählt, sparen die Autoren Martin Doerry und Hauke Janssen auch die vielen problematischen Seiten Augsteins nicht aus – seinen Hang zum Alkohol, seinen gelinde gesagt despektierlichen Umgang mit Frauen, seinen missglückten Ausflug in die Politik als kurzzeitiger FDP-Bundestagsabgeordneter. Schon bekannt, wenngleich mit neuen Details angereichert, war die in den 1950er-Jahren praktizierte unbekümmerte Einstellung einstiger SS-Leute in der „Spiegel“-Redaktion, weil sie angebliches Fachwissen über Kriminalität, Spione und hohe NS-Größen mitbrachten. Mit der Folge, dass sie deren Verbrechen in der NS-Zeit in Artikeln dann kleinredeten oder ganz verschwiegen.
Augstein hatte eine Reihe von Intimfeinden, die er in seinen Heften mal zu Recht, mal zu Unrecht, immer wieder ins Fadenkreuz nahm, schreiben die beiden Autoren: etwa Konrad Adenauer, später Helmut Kohl und Joschka Fischer. „Diese Zweikämpfe befriedigten Augsteins Geltungsbedürfnis, zugleich gehörten sie zum Markenkern seines Magazins.“
So war es auch bei Strauß. Speziell eine Begebenheit ist legendär und wird von Doerry und Janssen breit wiedergegeben: ein Aufeinandertreffen von Strauß und Augstein (zusammen mit einigen Redakteuren) am 9. März 1957. Augstein hatte Strauß in seine Privatwohnung eingeladen, um ihn näher kennenzulernen. Strauß kam, doch das Treffen entgleiste bei reichlich Alkohol. Eine Tonbandaufzeichnung existiert nicht, sodass man sich auf im Nachhinein gefertigte Aufzeichnungen verlassen muss. Was ist Dichtung, was ist Ausschmückung? Der damalige Bundesverteidigungsminister jedenfalls muss sich in Rage geredet haben. Es ging um die Sowjets als „Sittlichkeitsverbrecher“, um „Zuhälter von der Reeperbahn“, um die NS-Zeit und die Wehrmacht. Zwischendrin forderte Strauß zwei Redakteure, von denen er sich offenbar bedrängt fühlte, zum Verlassen des Raumes auf. Nach einigen Minuten durften sie zurückkehren.
Ein besonderes Bonmot und Hinweis auf Allmachtsphantasien des Ministers ist, dass Strauß an jenem Abend den ihn begleitenden Kriminalbeamten anwies, den Fahrdienstleiter im Hamburger Hauptbahnhof anzurufen. Dieser sollte den Nachtzug nach Bonn, den Strauß nehmen wollte, noch stoppen. Augstein brachte ihn dann in rasender Fahrt zum Bahnhof, aber der Zug war pünktlich abgefahren, sodass Strauß mit Augstein zum Treffen zurückkehrte. Und weiter ging der alkoholgeschwängerte Abend, an dessen Ende jedenfalls für Augstein definitiv feststand: „Der nicht“ – Strauß solle niemals Kanzler werden. Er sei unbeherrscht, eine Gefahr für das Land. An dieser Einstellung hielt er bemerkenswert konsequent ein Leben lang fest. Laut einer im Spiegel-Archiv gefundenen Notiz wies Augstein einen verantwortlichen Redakteur danach an, ein „Aktenstück Franz Josef Strauß“ anzulegen, um kompromittierendes Material zu sammeln, auch Privates. Das Dossier existiert nur noch lückenhaft.
Der Rest der Geschichte ist bekannt: Am 8. Oktober 1962 erschien die „Spiegel“-Geschichte „Bedingt abwehrbereit“ über das Nato-Manöver „Fallex 62“, wobei zutage getreten sei, dass es der Bundeswehr nach sechs Jahren Amtszeit von Strauß an Waffen und Soldaten fehle und ein Angriff der Sowjets auf Europa keinesfalls abgewehrt werden könne. Hohe Bundeswehr-Offiziere, auch Strauß selbst, werteten den Artikel als Landesverrat – Augstein und ein Redakteur wurden verhaftet. Die Spiegel-Affäre löste ein Erdbeben aus und wurde zum Fanal für den Kampf um die Pressefreiheit.
Dass Strauß 1980 Kanzlerkandidat der Union wurde, konnte auch ein Augstein indes nicht verhindern. Dass er an dessen Wahlniederlage durch Artikel, ein Anti-Strauß-Buch und die Mitfinanzierung eines Films („Der Kandidat“ von Stefan Aust) tatkräftigen Anteil hatte, lässt sich aber nicht bestreiten.DIRK WALTER
Das Buch
Martin Doerry/Hauke Janssen: Augstein. Ein deutsches Leben, C. H. Beck-Verlag, 533 S., 34 Euro