Gehaltsdiskussion

Löhne: Wer gewinnt – und wer verliert

von Redaktion

München – Seit Jahresbeginn gilt das neue Entgelttransparenzgesetzes (siehe auch Artikel unten). Es verpflichtet den Arbeitgeber unter bestimmten Umständen, die Gehälter der Kollegen preiszugeben. Nick Kratzer ist Soziologe. Er arbeitet beim renommierten Institut für sozialwissenschaftliche Forschung in München. Schwerpunkt: Arbeits- und Industriesoziologie. Wir haben mit ihm über das neue Gesetz und das merkwürdige Verhältnis der Deutschen zu ihrem Gehalt gesprochen.

-Herr Kratzer, warum machen die Deutschen ein Geheimnis um ihr Gehalt?

Zunächst steht teilweise in Arbeitsverträgen: Man darf über das Gehalt nicht sprechen. Aber um das geht es nicht – viel wichtiger ist, dass bei uns das Thema Gehalt mit allen möglichen Bedeutungen überladen ist. Das Gehalt ist in Deutschland ein Tabuthema. Einerseits geht es hier um die materielle Existenz. Andererseits um viel, viel mehr als um Geld – es geht um Anerkennung und um Wertschätzung, um gesellschaftliches Prestige. Der Status des Berufs wird auf den Menschen übertragen. Wer viel verdient, ist viel wert. So geht die Logik. Aber diese Sicht ist natürlich völlig falsch.

-Weil eine Pflegekraft natürlich nicht weniger wertvoll ist als, sagen wir, ein Unternehmensberater.

Ja, so ist es. Aber es gibt eben Berufsfelder, in denen der Lohn eine geringere Rolle spielt. Das ist bei Pflegekräften so oder bei Erzieherinnen. Da ist nicht die Zahl auf dem Gehaltszettel das Entscheidende, sondern Dinge wie der Sinn des Berufs und die soziale Verantwortung. Krankenschwestern sind so ein klassischer Fall für diese Denkweise, bei denen das Gehalt längst nicht das Wichtigste ist. Krankenschwestern tun sich übrigens auch unheimlich schwer mit Streiks. Da hört man dann immer wieder: „Ich kann meine Patienten doch nicht alleine lassen.“

-In welchen Bereichen ist das auch noch so?

Auch an unseren Universitäten laufen ziemlich viele prekär beschäftigte, unterbezahlte Leute rum, die verglichen mit den Angestellten in der Wirtschaft einen Bruchteil bekommen. Viele Hochqualifizierte hangeln sich jahrelang mit halben Stellen durch, leben in WGs und können nie eine Familie ernähren. Es ist eigentlich ein Wunder, dass das alles an unseren Universitäten noch funktioniert. Es ist das vage Versprechen auf eine glorreiche Zukunft, das die jungen Wissenschaftler dort hält.

-Pauschal gefragt: Welche Branchen sind, was das Gehalt angeht, die Gewinner der letzten Jahrzehnte? Welche die Verlierer?

Klare Gewinner sind die Bereiche Software, IT oder auch Unternehmensberatung. Am anderen Ende stehen schlecht bezahlte Dienstleister, die Paketfahrer und die Pizzafahrer. Hier kommt hinzu, dass diese Menschen oft unter fast völlig unregulierten Bedingungen arbeiten, indem sie selbstständig sind, scheinselbstständig oder als Subunternehmer beschäftigt werden. Man kann pauschal sagen: Es findet eine Polarisierung statt – die Mitte schwindet dahin. Es gibt hoch bezahlte Stellen für Hochqualifizierte, viele Billiglohn-Jobs, aber weniger dazwischen als noch vor 20 Jahren. Am unteren Ende kommt man über mindestlohnartige Gehälter kaum hinaus. Ich denke an Friseure oder Beschäftigte im Nagelstudio. Diese Menschen haben leider auch kaum eine Chance, in den Mittelbereich aufzusteigen. Diese Entwicklung wird auch so weitergehen – ein Ende ist nicht absehbar. Obwohl der Mindestlohn einiges aufgefangen hat.

-Was halten Sie von dem neuen Gesetz für Lohntransparenz?

Im Kern geht es um eine Auskunftspflicht innerhalb des Betriebs. Hier ist die wichtigste Frage: Wem hat Intransparenz bisher am meisten genutzt? Das waren in aller Regel die Unternehmen, die individuelle Vereinbarungen mit ihren Angestellten getroffen haben – und das schön unterm Deckel halten konnten. Diese Unternehmen haben jetzt am meisten Angst. „Das neue Gesetz führt zu Neiddebatten“, heißt es dann immer wieder. Aber die sind in den Betrieben doch eh schon geführt worden, weil es ein großes Gemunkel gab, was die Kollegen verdienen.

-Also hat das Gesetz für Arbeitnehmer nur Vorteile?

Das würde ich so nicht sagen. Viele Beschäftigte, die nach Transparenz schreien, wollen diese Transparenz bei sich selber vielleicht gar nicht haben. Viele denken, wenn alles transparent wäre vom Entgelt bis zur eigenen Leistung, dann geht es gerechter zu. Nach dem Motto: „Wenn die alle mal sehen, was ich hier Tolles mache, dann müsste ich mehr Geld bekommen.“ Wir haben für ein Forschungsprojekt Beschäftigte befragt, ob sie eigentlich für eine leistungsabhängige Vergütung sind. Die erste Antwort war immer die gleiche: „Da bin ich kräftig dafür – weil meine Leistung top ist. Die der anderen aber nicht so.“ Wenn man diese Angestellten dann aber fragt, wie man die Leistung sichtbar machen könnte, dann antworten sie: „Meine Leistung ist leider nicht messbar, weil sie so komplex ist und so viele Sachen dazugehören.“ Am Ende kommt dann heraus: Viele Angestellte wollen Sichtbarkeit, also Sichtbarkeit der eigenen Leistung, aber keine Transparenz. Grundsätzlich handelt es sich um ein Gesetz, das dort vor allem greift, wo es keine Tarifverträge gibt. Wo es Tarifverträge gibt, kann ich relativ leicht abschätzen, was der Kollege verdient.

-Es braucht in Deutschland einen hohen Leidensdruck, bis Menschen ihren Job kündigen. Ist das auch Ihr Eindruck?

Es gibt sehr viele Gründe, im Unternehmen zu bleiben, auch wenn es nicht toll läuft. Ich habe mich lange mit der Frage beschäftigt: Warum akzeptieren Beschäftigte Arbeitsbedingungen, die sie nicht gut finden? Klar: Oft haben sie keine Alternativen. Aber es bleiben auch Leute, die durchaus Alternativen hätten. Die Gründe sind manchmal gar nicht so aufsehenerregend: Es kann dann schon einen großen Unterschied machen, ob man morgens 20 Minuten zur Arbeit braucht oder 45 Minuten.

Interview: Stefan Sessler

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