Hamm – Christina Motejl kommt im Mai 1980 zur Welt. 4050 Gramm, 56 Zentimeter. Kindheit und Jugend in Duisburg, Köln und Bonn. Abgesehen von Kinderkrankheiten, Beulen, erstem Liebeskummer und gelegentlichem Streit mit den Eltern gibt es keine besonderen Vorkommnisse. Es hätte so weitergehen sollen. Auch als junge Erwachsene lief es rund.
Bis zu jenem Tag im Jahr 2006. Motejl ist 26 Jahre alt, weiß, was sie möchte, und hat zumindest eine Ahnung davon, wer sie ist. Ihre Mutter hat sie zu sich nach Hause eingeladen. Die Eltern haben sich vor einiger Zeit getrennt.
Doch an diesem Tag ist auch ihr Vater zu Gast. Er gießt Schnaps ein. Dann die Offenbarung der beiden. Die Worte „Hodenkrebs“, „unfruchtbar“, „Insemination“, „Spender“, „anonym“ rauschen an der Tochter vorüber. Plötzlich ist nichts mehr, wie es war. „Ich dachte damals, ich sitze in einer Folge von ,Verbotene Liebe‘ oder so. So was passiert doch nur im Fernsehen“, sagt sie im Gespräch mit der „Zeit“. Sie bricht den Kontakt zu ihren Eltern ab.
Im Internet füttert sie die Suchmaschinen mit den spärlichen Informationen, die sie hat. Und sie wird fündig: Damals gab es ein Projekt am Universitätsklinikum Essen für unfreiwillig kinderlose Paare, bei dem Frauen Sperma eines Spenders erhielten: Der Fachbegriff dafür heißt Donogene Insemination. Der Name Thomas Katzorke wird genannt, bis 1981 wissenschaftlicher Assistent an der Universitätsfrauenklinik Essen. 1981 Gründung einer Spezialpraxis zur Behandlung kinderloser Paare in Essen.
In der Uniklinik Essen ist ihre Mutter schwanger geworden, Katzorke war zur fraglichen Zeit dort, er ist Motejls erster Ansprechpartner. Sie schreibt ihm einen Brief und bittet, Zugang zu allen noch vorhandenen Unterlagen zu bekommen. Die Antwort folgt zwei Wochen später. Er könne ihr nicht weiterhelfen. Ob er ihre Eltern behandelt hat, wisse er nicht sicher, Unterlagen gebe es nicht mehr.
Doch es sind nicht alle so vergesslich. Motejl, die heute in Berlin lebt, findet Mitarbeiter der Klinik. Sie erzählen, dass das Krankenhaus, als ihre Mutter behandelt wurde, nur etwa zehn Samenspender hatte. Und dass der Spender zur selben Zeit im Krankenhaus sein musste wie die Frau. Anfang der 1980er-Jahre wurde Sperma noch nicht tiefgekühlt. Motejl, damals Jurastudentin, beschließt, die Uniklinik auf Herausgabe des Spendernamens zu verklagen. Ohne Erfolg. Alle Unterlagen sind vernichtet. Zu der Zeit werden Spenderdaten nur zehn Jahre aufgehoben.
Doch die heute 38-Jährige gibt nicht auf. Im Internet macht sie sich auf die Suche nach anderen Betroffenen. Mit Erfolg. Einige haben keine Probleme mit ihrer genetisch ungewissen Abstammung, andere schon. 2009 gründen acht Menschen den Verein Spenderkinder. Die ersten Medien werden auf die Gruppe aufmerksam, ihre Probleme gelangen in die Öffentlichkeit.
Wann immer es Berichte über die Spenderkinder gibt – unweigerlich kommt auch Thomas Katzorke – inzwischen Vorsitzender des Arbeitskreises Donogene Insemination – zu Wort. Und umgekehrt Motejl. Spricht der eine, hält der andere Gegenrede aus der Ferne. Motejl und Katzorke liefern sich ein Fernduell. Über Jahre.
Selbst wenn Christina Motejl Katzorke hätte ignorieren wollen, es wäre ihr nicht geglückt. Der Babymacher aus NRW ist ein Star in der Szene. Wer sich für das Thema interessiert, kommt an ihm nicht vorbei. Und dann begegnen sich beide zum ersten Mal. Mehr als sechs Jahre, nachdem sie ihm den Brief geschrieben hatte, sitzt Motejl ihm gegenüber. Vor dem Oberlandesgericht Hamm.
Motejl ist mit Sarah, damals 18 Jahre alt, da. Sarah ist ein Spenderkind (siehe Kasten), das ebenfalls auf sein Recht auf Kenntnis der Abstammung klagt. Und Sarah gewinnt. Katzorke als Arzt, der einst ihre Mutter behandelte, muss den Spendernamen nennen. Nach Auslegung des OLG dürfen Gedächtnislücken des Mediziners nicht dazu führen, dass der Spender geheim bleibt. Sieg für die Spenderkinder – auch wenn das für Motejl selbst zunächst nichts ändert.
Ob Katzorke die Briefeschreiberin Motejl von einst bei Gericht erkannt hat, bleibt sein Geheimnis. Angesprochen hat er sie an diesem Tag nicht. Es folgen drei weitere Begegnungen, in der Zwischenzeit geht das Fernduell der beiden weiter. Die letzte Begegnung wird ein Triumph für die Juristin. Sie wird 2016 vom Gesundheitsministerium als Expertin gehört: zum Samenspenderregistergesetz. Ein Teil ihrer Meinung wird Gesetz, Katzorke ist dabei. Und in Teilen dagegen. Spenderdaten werden nun zentral gesammelt und 110 Jahre gespeichert, Unterhalts- und Erbansprüche an den Spender werden ausgeschlossen.
Unterdessen hat die DNA-Analyse galoppierende Fortschritte gemacht. Inzwischen weiß man, wie geschwätzig Erbgut sein kann – auch über Generationen hinweg. Über den Verein Spenderkinder finden sich immer mehr Halbgeschwister. In Essen, München, Hamburg, Zwick-au. Auch Christina Motejl macht 2012 einen Test. Und es passiert – nichts. Sie macht weitere, lässt sich bei anderen Laboren registrieren. Im April 2018 hat sie – inzwischen selbst zweifache Mutter – schließlich Gewissheit. Es gibt einen Angehörigen.
Gefunden wurde ein Cousin. Er lebt in Kanada. Und er hat weitere Verwandte in Deutschland. Einen gewissen Katzorke „from Germany“. „Da hatte ich dann zum zweiten Mal das Gefühl, mir selber in einer schlechten Vorabendserie zuzusehen“, sagt Christina Motejl. Nach einer schlaflosen Nacht findet sie eine zweite Nachricht in ihrem E-Mail-Postfach: Ein anderes Labor teilt ihr mit, dass es einen Nutzer gibt, der sehr wahrscheinlich ihr Vater ist. Er ist registriert mit dem Kürzel „TK“. Motejl zählt eins und eins zusammen – und will es doch nicht wahrhaben. Thomas Katzorke? Ihr Vater? Ausgerechnet?
Zwölf Jahre nach ihrer ersten Nachricht an Thomas Katzorke formuliert sie im Frühjahr 2018 abermals eine: „Sehr geehrter Herr Katzorke, ich habe gestern meine Ergebnisse für den DNA-Test Ancestry erhalten. (…) Ich muss annehmen, dass Sie mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit mein genetischer Vater sind. Das ist nicht mein erster Brief an Sie, aber wohl der schwierigste. (…) Es ist geradezu ironisch, dass ausgerechnet wir miteinander verwandt sind. In Interviews haben Sie oft betont, dass der Samenspender inzwischen eine eigene Familie haben könnte, in die nicht eingebrochen werden dürfe. Jetzt ist mir klar, dass Sie dabei auch über sich selbst gesprochen haben. (…) Ich habe weder finanzielle Interessen, noch möchte ich Ihre Familie irgendwie stören. (…) Aber ich hätte gerne ein paar Antworten. Ich fände es daher schön, wenn wir miteinander reden würden. (…) Anliegend schicke ich Ihnen ein Foto von meiner Familie und mir am Kap der Guten Hoffnung vom Ende des letzten Jahres.“
Katzorke antwortet prompt. Die Streithähne von einst, Vater und Tochter, telefonieren. Motejl meint sich zu erinnern, Katzorke könnte gesagt haben, dass er damals ab und zu eingesprungen sei für Spender, die nicht wie verabredet in der Klinik erschienen sind. Der Ton ist zunächst freundlich. Wieso er einen Gentest gemacht habe? Es ging um die Abklärung von Krankheitsrisiken. Vermutlich habe er vergessen, dort einen Haken zu machen, wo es um das Verbot der Weitergabe der Daten ging. Beide verabreden ein Treffen. Doch dazu kommt es nicht. Vorher teilt er ihr schriftlich mit, dass er kein Interesse daran hat, über persönliche Themen zu sprechen. Genetische Abstammung sei für ihn nicht wichtig.
Für Motejl schon. Dass ihr biologischer Vater ausgerechnet Katzorke ist, findet sie „absurd“. „Ein Name und ein Foto hätten mir auch gereicht“, sagt sie. Aber jetzt habe sie zwei Menschen vor Augen, die ihre biologischen Eltern sind. „Ich habe meinen Seelenfrieden. Ich kann jetzt damit abschließen.“
Allein ist Motejl mit der Erkenntnis, dass der behandelnde Arzt der Samenspender war, übrigens nicht. Dem Verein Spenderkinder sind zwei weitere Fälle bekannt, in denen sich herausstellte, dass der Arzt der biologische Vater ist. „Was diese Ärzte gemacht haben, ist nicht okay“, sagt Christina Motejl. Das Vertrauen ihrer Mutter habe Katzorke massiv missbraucht. Dass er aber so lange und vehement für die Anonymität der Spender gekämpft hat, kann sie inzwischen sehr gut verstehen. Plötzlich ergibt alles einen Sinn.