München – Dr. Christoph Pies, selbst Urologe, hat einen Gesundheitsratgeber nur für Männer geschrieben. Ein Interview, warum man(n) den „Männer-TÜV“ braucht.
Sind Männer wirklich Vorsorgemuffel?
Ja. Und am deutlichsten zeigt sich das in der Statistik: Nur etwa jeder fünfte Mann geht zur Vorsorge. Es ist eine Art Vogel-Strauß-Taktik, die der Mann da an den Tag legt – Kopf in den Sand stecken, um nichts zu sehen und zu hören. Und erst wenn etwas kaputt ist, lässt man es reparieren. Wir sehen immer wieder Männer, die sich teilweise über Jahre mit massiven Beschwerden herumschleppen, bevor sie dann als Notfall vorstellig werden.
Aber Männer fürchten sich doch vor Krankheiten …
Und wie! 75 Prozent haben laut Befragungen sogar ausgeprägte Krankheitsängste. Dennoch lassen sie die angebotenen Untersuchungen nicht durchführen. Auf der Arztbesuch-Ausredenliste findet sich Zeitmangel auf Platz eins, gefolgt von Angst vor einer schlimmen Diagnose – und dem Respekt vor der Prostata-Untersuchung mit dem Finger.
Es heißt, verheiratete Männer lebten gesünder – weil die Frauen sie zum Arzt treiben?
Das ist eine sehr interessante Frage. Eine Studie in 16 westlichen Ländern konnte tatsächlich zeigen, dass die Sterblichkeit bei unverheirateten Männern höher ist. Eine andere Langzeituntersuchung fand sogar heraus, dass das Risiko, an einer Herzerkrankung zu sterben, bei einsamen Männern um sagenhafte 90 Prozent erhöht ist.
Familienleben ist also gesünder. Warum?
Das bleibt ein wenig spekulativ. Wahrscheinlich pflegen Singles tendenziell ungesündere Ernährungsgewohnheiten und andere Lebensstilfaktoren. Bei Verheirateten spielt indes der Einfluss von Ehefrauen eine große Rolle: Sie packen ihre Männer beim Familiensinn und appellieren an deren Verantwortungsbewusstsein. Vier von fünf Männern lassen sich mit dieser Ansage zu Vorsorgeuntersuchungen überzeugen!
Sie haben Ihrem Buch den bezeichnenden Titel „Männer-TÜV“ verpasst – weil man so besser an die großen Gesundheitsthemen beim Mann kommt?
Der Mann tut sich oft leichter, wenn er ganz schematisch und systematisch nach Plan vorgehen und Checklisten abarbeiten kann. Mein Bestreben ist, diese Strategie auch auf sein Gesundheitsverhalten zu übertragen. Letztlich ist es beim Mann wie beim Auto: Ein Neuwagen braucht in den ersten Jahren recht wenig Wartung; der erste TÜV steht erst nach drei Jahren an. Wenn ein Pkw aber so acht bis zehn Jahre alt ist, kommen die kritischen Jahre – in denen sich entscheidet, ob daraus mal ein Oldtimer werden kann.
Wann genau sind die kritischen Jahre beim Mann?
Die kritische Phase, in der entscheidende Weichen fürs Alter gestellt werden, ist zwischen 40 und 60. Viele Männer beklagen dann schon ein anfälligeres Herz-Kreislauf-System, beginnende Gedächtnisstörungen und orthopädischen Verschleiß. Die Krebswahrscheinlichkeit steigt ebenso wie die Anfälligkeit für Volkskrankheiten wie Bluthochdruck oder Diabetes. Das Immunsystem und schützende Stresshormone sowie der Testosteronspiegel werden bereits langsam zurückgefahren. Hier gilt es, frühzeitig ein Gesundheitsbewusstsein zu schaffen.
Sie bieten in Ihrem Buch nicht nur Checklisten an, um den persönlichen Gesundheitsstatus zu ermitteln, sondern auch einen „Quick-Check per E-Mail“ – was bedeutet das?
Jedes Kapitel enthält Fragebögen und Checklisten aus dem medizinischen Alltag. Damit kann sich jeder Mann seiner persönlichen „TÜV-Prüfung“ unterziehen – und Fehlfunktionen aufdecken. Sie ersetzen aber keinesfalls den Arztbesuch, weil sie nur dazu dienen, die Beschwerden grob einzuordnen. Da aber der ein oder andere sich womöglich auch ohne Arztbesuch ein kurzes persönliches Feedback wünscht, biete ich hier kurze persönliche Stellungnahmen zu einzelnen Fehlfunktionen an.
Zum Abschluss eine typische Frauenfrage: Kommen auch Männer in die Wechseljahre?
Dieser Begriff ist für Männer etwas irreführend, da der Prozess bei ihnen eher schleichend verläuft. Aber schon ab dem 45. Lebensjahr nimmt die Testosteronkonzentration im Blut eines Mannes um etwa ein Prozent pro Jahr ab! Jeder fünfte Mann ab 60 hat zu wenig Testosteron. Die Symptome, die übrigens oft verkannt werden, sind eine verminderte körperliche Leistungsfähigkeit, Schlafstörungen, Stimmungsschwankungen, Erektionsstörungen und ein Libidoverlust. Auch Übergewicht wird begünstigt. Wichtig zur Stabilisierung des Testosteronspiegels sind Bewegung, Sport und gesunde Ernährung.
Interview: Barbara Nazarewska