München – Für die Angestellten in den Supermärkten ist die Situation nicht einfach. Jeden Tag kommen hunderte Kunden, und nicht alle sind vernünftig. „Viele gehen nicht wirklich auf Abstand“, erzählt Richard Büttner, 38. Er arbeitet in einem Edeka-Markt in Ottobrunn im Landkreis München an der Frischetheke und gehört zu jenen, die jeden Tag Gefahr laufen, sich mit dem neuartigen Coronavirus zu infizieren.
Weil an der Fleisch- und Käsetheke noch eine echte bauliche Absperrung fehlt, stehen zwei Reihen leere blaue, rote und weiße Fleischkisten als Barriere vor der Ausgabe. So kann ungefähr der Sicherheitsabstand von eineinhalb Metern garantiert werden. Dennoch wünscht sich Büttner für die nächste Zeit eine richtige Absperrung. Denn die Angst zu erkranken ist da. Wenn Büttner Kunden beobachtet, stimmt ihn das nicht gerade optimistisch: „Die Leute husten und niesen. Nicht nur in die Armbeuge, sondern teilweise auch in die offene Hand.“ Danach fassen sie Obst, Leergut oder Konserven an. Büttner kann da nur den Kopf schütteln. Die Ware legt er nur noch auf die Theke, in die Hand gibt er sie niemandem mehr. „Das Hauptproblem ist meines Erachtens, dass die Leute im Markt frei rumlaufen können“, kritisiert er in Zeiten, in denen sonst fast alle Kontakte verboten sind.
Dass die aktuelle Situation „mit nichts vergleichbar“ ist, sagt Ingrid Staudacher aus einer Filiale in Augsburg. Die 63-Jährige sitzt seit 28 Jahren an der Kasse und verbringt nun die letzten Monate vor ihrer Rente im Markt. In der vergangenen Woche habe sie immer dieselben Fragen beantworten müssen: Warum keine Ware da sei, wann endlich wieder was komme, warum das immer gleich wieder aus sei. Und auch Vorwürfe gebe es vereinzelt, dass sie keinen Mundschutz und keine Handschuhe trage. Staudacher, die sich selbst als eigentlich robust bezeichnet, fasst das nervlich auf Dauer an. Mit Handschuhen, erklärt sie, sei es einfach viel schwerer, Münzen und Scheine zu erfühlen und zu greifen. Seit die Ausgangssperre gilt, seien die meisten Kunden aber viel freundlicher, sagt Staudacher. Kürzlich seien mehrere Damen gekommen, die gesagt hätten: „Wir sind so froh, dass Sie da sind.“ So etwas baut Staudacher, die ihren Beruf auch in diesen Zeiten gerne macht, wieder auf. Mittlerweile hängt ein Zettel an ihrer Kasse, dass lieber mit Karte bezahlt werden soll. Seitdem würden viele auch 69 Cent für einen Kaugummi nicht mehr bar zahlen.
Eine weitere Kassenmitarbeiterin von Edeka, die anonym bleiben will, beschreibt, wie angespannt zurzeit alle seien. Viele Kunden hätten Angst, das Personal sei nicht mehr so gesprächig untereinander. Sie habe Kunden, die „husten und pusten“, berichtet sie aus ihrem Alltag.
Seit ein paar Tagen nun steht eine Plexiglasscheibe an ihrer Kasse. „Dadurch fühle ich mich besser. Hoffentlich ist es nicht zu spät.“ Denn ihr erwachsener Sohn zu Hause gehöre wegen mehrerer Lungenoperationen zur Risikogruppe. „Wenn ich ihn anstecke, ich weiß nicht, ob er das überlebt. Das macht mir Sorgen.“ Dennoch versucht sie, sich über die Pralinen und Blumen zu freuen, die ihr Kunden zum Dank für ihren Einsatz schenken. CINDY BODEN