Die Corona-Pandemie erinnert an die Zeit der großen Seuchen, die ganze Teile der Menschheit dahinrafften. So hielt die Cholera die Welt fast ein Jahrhundert lang in Atem. In immer neuen Wellen schwappte sie auch nach Europa. Dass es für Corona keine Blaupause gebe, wie Entscheidungsträger gerne betonen, ist insofern falsch, als auch die Cholera das wirtschaftliche Gleichgewicht ins Wanken brachte und die Frage aufwarf: Wie reagiert man als moderne Industriegesellschaft? Die Debatte war schon damals kontrovers, interessanterweise war es der Hygieniker Max von Pettenkofer, der die These vertrat, das menschliche Individuum sei letztlich der Bedeutung der Wirtschaft unterzuordnen.
Ausgehend von Indien griff die Cholera in mehreren Seuchenzügen auf Europa über. Der „Blaue Tod“, wie man die Cholera in Anlehnung an die Pest („Schwarzer Tod“) auch nannte, war den Reise-, Verkehrs- und Handelswegen gefolgt und stand um 1830 erstmals an Europas Grenzen. Da die Cholera in der Hälfte der Fälle tödlich verlief, machte sie die Menschen immer nervöser. Ärzte aus vielen Ländern machten sich vor Ort ein Bild von der Seuche.
Ähnlich wie heute beim Coronavirus befanden sich die Mediziner auf einer Lernkurve. Nur wenig war über die neue Seuche bekannt. Unbekannt war lange nicht nur der Auslöser der Infektion, sondern auch, wie sich die gefährliche Last ausbreitete. Heftig stritten Ärzte über die Art der Verbreitung des anfangs noch völlig unbestimmten „Cholera-Etwas“, das sich erst durch die Forschung von Robert Koch 1883 als bakterieller Erreger entpuppte.
Vor allem jedoch schieden sich die Geister an der Frage der Bekämpfung. Die Vertreter einer einfachen Ansteckung von Mensch zu Mensch wollten die Streuung des tödlichen Stoffes nicht nur durch massive Desinfektions- und Quarantänemaßnahmen, sondern auch durch harte Eingriffe wie die militärische Schließung der Grenzen und die Unterbindung des Verkehrs mit befallenen Regionen aufhalten.
So reagierten in den 1830er-Jahren die meisten Staaten in Europa mit einer scharfen Grenzsperrung. Intern suchte man mit behördlichen Inspektionen, Quarantäne und der Isolierung von Cholerakranken der Seuche Herr zu werden. Infizierte Ortschaften wurden vom Militär eingeschlossen, das im Geiste christlicher Nächstenliebe gebotene Zusammenstehen zerbrach vielerorts. In dem auch damals arg betroffenen Italien ließen im Jahr 1837 Ärzte und Geistliche die Kranken aus Furcht vor Ansteckung im Stich. Nur noch wenige Ordensleute reichten in Selbstaufopferung den Sterbenden die Sakramente. Behörden und Klöster wurden abgesperrt, Kranke ihren Angehörigen entrissen und in Hospitälern isoliert. Das gesellschaftliche Ordnungssystem geriet aus den Angeln.
Ganz im Vordergrund der Seuchenabwehr stand die durch Soldaten und Wachtürme abgesicherte Grenzsperrung. Allerdings waren diese Sperrriegel eine extreme finanzielle Bürde. Preußens Staatsfinanzen wurden dadurch erschöpft und Bayern war finanziell überhaupt nicht in der Lage, alle seine von der Cholera bedrohten Grenzen militärisch abzusichern. Nicht mal der für Notfälle angelegte Reichsreservefonds reichte aus. Weder Österreich, Preußen, Frankreich noch England gelang es aber, den Vormarsch der Cholera durch strikte Absperrungen an ihren Grenzen zu stoppen.
Die wirtschaftlichen Auswirkungen von Personenkontrollen, Handels- und Grenzsperren bestimmten die gesellschaftliche Diskussion auch nach der Entdeckung des Cholerabazillus durch Robert Koch. Als Österreich während des Choleraausbruchs in Hamburg 1892 die Handelsbeziehungen zum Deutschen Reich einschränkte, klagten Handel und Industrie beidseits der Grenze über die wirtschaftliche Abwärtsspirale. Die österreichisch-ungarische Staatseisenbahn zum Beispiel verkündete nie geahnte Verluste.
Strikt gegen Abschottungstendenzen, die ganze Länder in den wirtschaftlichen Ruin trieben, war der Münchner Max von Pettenkofer, der sich ab 1848 mit der Cholera beschäftigte und sich bald zu Europas führendem Seuchenforscher aufschwang. Pettenkofer zweifelte eine direkte und auch indirekte (über Nahrung, Kleidung oder Ausscheidungen) Übertragung der Cholera an.
Geschuldet war dies seiner irrtümlichen Cholera-Theorie, wonach der epidemiologisch relevante Prozess im Erdreich stattfinde. Zwar billigte Pettenkofer dem mehrtägigen Einsperren von Reisenden, großflächigen Desinfektionen oder auch dem Räuchern von Kleidung, Post und Waren anfangs noch eine Rolle zu, eine Garantie gegen die Verschleppung der Cholera war es für ihn nicht.
Pettenkofer setzte auf hygienische Infrastrukturprojekte wie eine moderne Trinkwasserversorgung oder eine effiziente Abwasserbeseitigung. Kostspielige Maßnahmen, doch schränkten diese die Bewegungsfreiheit der Menschen, den Handel und das Wirtschaftsleben nicht ein. Im Gegenteil wirkte sein Ansatz durch die Investitionen in die Infrastruktur sogar wirtschaftsfördernd. Dies erklärt auch, dass sich damals die Vertreter von Industrie und Handel von Pettenkofer bestätigt fühlten.
Seine Cholera-Theorie, die auf eine Prävention ohne Panikmache abstellte, verband Pettenkofer denn auch mit einem ausdrücklichen Plädoyer für die Wirtschaft. In seinen Schriften zur Cholera erhob er Handel und Verkehr in den Rang der höchsten und „bedeutendsten“ Einrichtungen der Menschheit, die es mit aller Kraft und allem Mute zu schützen gelte – auch wenn die Cholera als lebensbedrohlicher Feind an der „Grenze eines Landes“ erscheine. „Der freie Verkehr auf der Erde“, so Pettenkofer, sei „ein so großes allgemeines Gut, dass man ihm mit viel mehr Recht Menschenleben opfern kann als manchen anderen menschlichen Zwecken, die schon oft zu wilden Kriegen und zur Verheerung ganzer Länder führten.“ Der freie Austausch von Waren und Menschen sichere den Fortbestand unserer modernen Zivilisationsgesellschaft und bekämpfe Armut.
Pettenkofers Worte erinnern uns an die Alternativen, über die wir auch heute wegen der Corona-Pandemie debattieren, für die weder eine gezielte Therapie zur Verfügung steht noch eine Impfung in Sicht ist: Bedarf es eines mit „Lockdown“ und Ausgangssperren verbundenen Schockzustands der Wirtschaft oder lässt sich das Virus in einem wirtschaftlichen Normalbetrieb ausbremsen?
Eine florierende Wirtschaft war für Pettenkofer eine existenzielle Voraussetzung der modernen Gesellschaft und hatte absoluten Vorrang. Im Glauben an den Fortschritt und eine bessere Zukunft beschwor er den Einzelnen, nie sein eigenes vergängliches Leben „als das höchste Gut“ anzusehen und ungeachtet der Gefahren für sein individuelles Leben das allgemeine Wohl zu fördern. „Nie“, so Pettenkofer, dürfe auf dem Weg zum Ziel „der Verlust von Menschenleben als das größte Übel betrachtet werden.“
Mit dieser Einstellung erklärte er sich auch selbst zum Experiment bereit. Seinen spektakulären Selbstversuch mit der Einverleibung von Cholerabakterien im Oktober 1892, auf der Höhe der Cholera-Epidemie in Hamburg, kommentierte er mit den Worten: „Selbst wenn (…) der Versuch lebensgefährlich wäre, würde ich dem Tode ruhig ins Auge sehen (…); ich stürbe im Dienst der Wissenschaft wie ein Soldat auf dem Felde der Ehre. Gesundheit und Leben sind allerdings sehr hohe irdische Güter, aber doch nicht die höchsten für den Menschen.“
Der Mensch, so Pettenkofers Credo, müsse bereit sein, auch Leben und Gesundheit „für höhere, ideale Güter zu opfern“. Unterwerfe man sich, schenke einem die Cholera zwar wohl das Leben, der Tribut aber sei so enorm, dass er bald unerschwinglich werde. Füge man sich nicht, würden wohl manche „ihr Leben in diesem Kampfe verlieren, aber der Feind vermag das Land nicht zu schädigen und in Knechtschaft zu bringen“.
Pettenkofer war sich also bewusst, dass eine solche Strategie Opfer kostete. Sein Trost: „Die Opfer, welche im Kampfe mit Epidemien dem freien Verkehr der Völker fallen, verdienen unsere Theilnahme (…) und (…) sie erwerben sich durch einen solchen Tod ein Anrecht auf ein ehrendes, dankbares Gedächtnis der Überlebenden, zu deren Gunsten sie gestorben sind; sie sterben wie Soldaten auf einem Schlachtfelde und gleich diesen, die einen unter Furcht und Zittern, die andern mit kaltblütiger Ruhe, und wieder andere mit männlichem Muth und mit dem vollen Bewusstsein, für ein hohes Gut der Menschheit zu sterben, obschon sie wissen, dass sie Wittwen und Waisen hinterlassen.“
Pettenkofers Worte klingen in heutigen Ohren sehr pathetisch und mögen zynisch erscheinen. Aber auch in unserer Gesellschaft werden die Stimmen vernehmbarer, die sich gegen einen kompletten wirtschaftlichen „Shutdown“ erheben.