München/Fürstenfeldbruck – Von der Badeinsel aus sind die Anlagen des angrenzenden Kies- und Betonwerks gut zu sehen. Das sogenannte Pucher Meer im Landkreis Fürstenfeldbruck wandelt sich nach und nach vom Kiesabbauareal zum Naherholungsgebiet. Das eine von zwei Baggerlöchern ist schon mit Grundwasser voll gelaufen und steht für Badevergnügen zur Verfügung. „Auch das zweite Loch soll als See Teil des Freizeitareals werden“, sagt Thomas Vilgertshofer. Der Bauunternehmer betreibt das Kieswerk zusammen mit seinem Geschäftspartner Thomas Ottl. Noch wird hinter dem Wasserwacht-Haus Kies gewaschen, sortiert und zerkleinert. Ein Betonwerk steht direkt daneben. So konfliktarm wie hier ist das Nebeneinander von Naherholung und Rohstoffgewinnung heute jedoch nicht immer.
Im Forst Kasten besetzten Gegner einer geplanten Kiesgrube zuletzt immer wieder Bäume (siehe Text unten). Und auch andernorts regt sich Widerstand. Vilgertshofer und Ottl betreiben in Fürstenfeldbruck noch eine zweite Kiesgrube. Die wollten sie in ein Waldstück hinein erweitern. Das führte zu einem Aufschrei quer durch die Stadt. Der Protest gegen Kiesabbau wird vielerorts breiter. Es geht neben lokalen Nutzungskonflikten zunehmend um globale Fragen wie den Klimaschutz.
Der Großraum München ist reich an Kies. Eiszeitliche Gletscher und Schmelzwasserströme trugen aus den Alpen riesige Mengen Gestein heran, die dabei zerkleinert wurden. In der gesamten Münchner Schotterebene – ein Dreieck zwischen Maisach, Weyarn und Moosburg – liegt der Kies heute meist direkt unter dem Oberboden, teils bis zu 100 Meter tief.
Wirtschaftlich interessant wurde der Rohstoff im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert, als er mit dem beginnenden Eisenbahnbau als Gleisschotter gebraucht wurde. Und im Bausektor kamen zunehmend Beton und Asphalt zum Einsatz. Schon in den 1930ern gab es bei Langwied und Heimstetten große Kiesgruben. Fast alle Badeseen in Stadt und Landkreis München – Langwieder See, Birken- und Lußsee im Westen, Heimstettener See im Osten oder Feldmochinger und Fasaneriesee im Norden – sind Relikte des Kiesabbaus.
Viele Gruben wurden nach der Ausbeutung auch verfüllt. Ein Teil von Neuried am südlichen Stadtrand steht auf so einer Grube. In den 1940er-Jahren wurden hier Hausmüll und Kriegsschutt verklappt. Noch heute sackt verrottendes Füllmaterial ab, was so manchen Hausbesitzer vor Probleme stellt. Heute sind die Auflagen strenger. In den Gruben landet meist Bauschutt. Baufirmen und Abbruchunternehmen können hier Ziegel, Betonteile oder Bodenaushub loswerden.
In Neuried und anderen Würmtalgemeinden wehrten sich schon in den 1990er-Jahren Bürgermeister und Bürgerinitiativen gegen Kiesabbau-Projekte. Einige der Protest-Veteranen sind heute unter den Gegnern des Abbaus in Forst Kasten. „Früher ging es um Staub, Lärm oder Umweltauflagen“, erinnert sich Herbert Stepp vom Grünzug-Netzwerk Würmtal. „Das war ein lokales Thema.“
Bei Eingriffen in den Wald wie im Forst Kasten gehe es jetzt auch um Klimafragen und ganz allgemein um Ressourcenverbrauch, so Stepp. Und im Würmtal gebe es nach 100 Jahren Kiesabbau erschließbare Reserven fast nur noch in Waldgebieten. Protest werde künftig möglicherweise auch überregional registriert und unterstützt. „Die junge Generation wird es aufmerksam beobachten.“ Stepp und seine Mitstreiter haben früher in den Details einiges erreicht, strengere Auflagen etwa. Abgebaut werden durfte letztlich aber meistens. Wegen der wirtschaftlichen Bedeutung gilt Kies als Bodenschatz. Die Rohstoffstrategie der Staatsregierung sieht eine verbrauchsortnahe Gewinnung von Kies vor. In Regionalplänen werden deshalb bayernweit Vorranggebiete für den Abbau festgelegt. Rund 2400 Hektar sind es in der Region München.
Dennoch tut sich die Branche schwer, noch an nutzbare Vorkommen zu kommen. Die Region ist immer dichter besiedelt, Nutzungskonflikte nehmen zu. Natur- und Gewässerschutz bekamen immer mehr Bedeutung, und auch Landwirte geben ihre Äcker nicht mehr so einfach für den Abbau her. So steigt der Druck auf die noch zugänglichen Flächen.
Die Fraktionen des Fürstenfeldbrucker Stadtrats verhandeln gerade mit Grundeigentümern, um Vilgertshofer und Ottl eine Alternative zu der Erweiterung im Wald anbieten zu können. Dabei hatte der Stadtrat selbst die Erweiterung des Vorranggebietes in den Wald hinein vor einigen Jahren mit breiter Mehrheit angestrengt. Doch die Prioritäten wandeln sich.
Vilgertshofer sagt, er könne viele Argumente nachvollziehen. Grundsätzlich aber unterliege „auch Wald einfach einer gewissen Bewirtschaftung. Und es wird ja wieder aufgeforstet, teils ökologisch wertvoller als vorher.“
Warum aber holt man Kies nicht aus weniger dicht besiedelten, unbewaldeten Regionen? Das Problem wird deutlich in Teilen Norddeutschlands, wo geeignetes Material selten ist. Dort kostet Baukies, der in München in gleicher Güte für zwölf Euro je Tonne zu haben ist, laut Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe bis zu 28 Euro – wegen der Transportkosten. Zudem werden ökologische Argumente angeführt. Der Transport verursache CO2-Ausstoß. Mit Wiederaufforstung sei der Abbau vor Ort selbst bei Rodung klimaverträglicher.
Stepp hält dagegen: „Das gilt langfristig, aber wir brauchen Klimaneutralität jetzt. Und das Argument greift nur, wenn man beim Ressourcenverbrauch so weitermachen will.“ Es müssten insgesamt Rohstoffe gespart werden.
Das findet auch Vilgertshofer. Er habe mit einem Betonfabrikanten Versuche zu Baustoff-Recycling gestartet. Allerdings benötige man bisher für Beton aus recyceltem Material mehr Zement. Gerade dessen Herstellung sei CO2-intensiv. Forschung zu zementarmem Beton gibt es bereits. Doch auf absehbare Zeit wird sich am Kiesbedarf wohl erstmal wenig ändern. Der Region wird der Kies noch die oder andere Auseinandersetzung bescheren. Und vielleicht auch den ein oder anderen Badesee.