München/Wien – Es war eine Verbeugung Richtung Wien und ein Tritt nach Berlin. 2018 mitten im Landtagswahlkampf tat Markus Söder kund, zu seiner Schlusskundgebung komme „keine Bundeskanzlerin, sondern ein Bundeskanzler“. Angela Merkel blieb unerwünscht bei öffentlichen Auftritten im Freistaat, ja nicht wieder Pfiffe und Buhrufe wie im Vorjahr. Statt dessen reiste Sebastian Kurz nach München, der Gastredner wurde von der CSU gefeiert wie ein Popstar.
Nun, wirklich geholfen hat das damals keinem der Beteiligten, Söders Wahl ging auch so brutal in die Binsen. Die Sache 2018 ist aber vielen in Erinnerung geblieben: Als Grundlage der Legende zweier dicker Kumpel, die sich gegen Merkel oder noch linkere Kräfte verschworen haben.
Dabei ist die Sache komplizierter. Das Verhältnis zwischen den Regenten in München, Berlin und Wien ist eine echte Dreieckssache mit stark schwankenden Emotionen. Söder schätzt Kurz als Charismatiker, der die konservative ÖVP komplett umkrempelte; mehr als Söder jemals die CSU. Inhaltliche Nähe entstand ab 2015, weil beide Merkels Flüchtlingspolitik schroff ablehnten. Schon als Außenminister rügte Kurz Merkels offene Grenzen, stieg europaweit zu einem Gegenspieler auf. Deutschland solle nicht die „vermeintlich moralisch Überlegenen“ spielen, sagte er 2016 mit unserer Zeitung. Kurz setzte am Balkan die Grenzschließungen durch, das nahm Druck aus der deutschen Debatte. Fortan war er wahlweise Feindbild oder Vorbild.
Gehalten hat die Liebe von Weißblau und Rotweißrot eh nicht ewig. Das persönliche Verhältnis Söder/Kurz beschrieben Vertraute als nüchtern, nicht herzlich. Sie haben Handynummern ausgetauscht, duzen sich, aber Konflikte bleiben. Das trifft vor allem die Verkehrspolitik, den Brenner-Transit. Die Bayern schimpfen über Schikanen an den Grenzen und im Inntal; die Österreicher lästern, dass die Deutschen jahrzehntelang die Bahn-Zulaufstrecken zum Brenner-Basis-Tunnel vertrödelten.
Noch komplizierter hat ab 2020 Corona das Verhältnis gemacht. Anfangs nahm Söder viele harte Maßnahmen der Kurz-Leute zum Vorbild. Was Wien verhängte, die Maskenpflicht etwa, kopierte er mit drei Wochen Abstand. Das klappte allerdings nur so lange, bis Kurz in einen Lockerungs-Kurs umschwenkte, Masken und Sperrstunde weg. Söder schimpfte öffentlich über ein „völliges Rollback“, lästerte gern und laut über den Hotspot Ischgl. Gegen den Sog konnte er aber wenig machen: Als Österreich seine Hotels am 19. Mai aufsperrte, folgte Bayern wenige Tage später. Kurz’ Vertraute waren hoch verärgert über Söder, empfanden ihn als öffentlich illoyal. Und lästerten nebenbei über seine Kurswende, Merkels Asylpolitik wieder toll zu finden.
Noch dazu verschärfte der Streit um die Grenzen die Stimmung. Kurz nennt massive Grenzschließungen und Reisewarnungen bei Corona noch heute einen Fehler. Komödiantischer Tiefpunkt im März 2021: Die deutsche Seite, vermutlich die Bundespolizei, untersagte Tirols Landeshauptmann Günther Platter (ÖVP) die Durchreise über Bayerns Autobahnen.
Kurz geht nun zumindest im Guten. Heuer im Mai war er bei Söder in München, „es ist immer wieder eine Freude“, flötete er bei einem Auftritt im Münchner Hofgarten. Im August trat er dann zum Abschiedsbesuch bei Merkel an. Er überreichte der musikbegeisterten Kanzlerin eine Einladung für die Salzburger Festspiele auf Lebenszeit. Dass es nun sein Abschied ist und nicht ihrer, ist eine andere Ironie der Geschichte. CHRISTIAN DEUTSCHLÄNDER