Gänserndorf – Xsara hat den Überblick: Die Schimpansendame sitzt in Denker-Pose auf dem obersten Ast des zehn Meter hohen Kletterbaums und beobachtet konzentriert die Umgebung. „So, wie sie da oben thront ist gleich klar: Sie ist der Boss!“, sagt Renate Foidl. Die 51-Jährige betreut die zehn Tiere aus Xsaras Schimpansen-Trupp. Xsara die unangefochtene Chefin? Kaum zu fassen! Bei meiner ersten Begegnung vor zwölf Jahren war sie die Einzige ihrer Gruppe, die sich nicht ins Grüne wagte, als sich die Tür zur 2500 Quadratmeter großen Freianlage des Affen-Refugiums erstmals öffnete. Zu traumatisiert war die Schimpansin, die in einem winzigen Laborkäfig zur Welt kam und nichts anderes kannte als Eisenstäbe, eine Leiter und eine schäbige Hängematte.
Gefangen im Dienste der Wissenschaft
Xsaras Mutter Schuscha wurde 1983 „im Dienste der Forschung“ in Sierra Leone als Baby gefangen und neun Jahre für Medikamentenversuche missbraucht. Wie etliche der anderen 36 Schimpansen von Gänserndorf wurde sie mit dem Aids-Virus infiziert, um zu beobachten: Was kann das Immunsystem der Schimpansen, was unseres nicht kann? Denn bei den infizierten Affen brach die Krankheit nicht aus.
Aber die Versuche im Primatenzentrum in Orth an der Donau, nur 25 Kilometer von Gänserndorf entfernt, brachten kaum Erkenntnisse. 1997 stellte der Pharmakonzern Baxter die Tests ein und finanzierte die Unterbringung im Safaripark Gänserndorf – wieder in Käfigen ohne Außenanlage. Der Safaripark ging 2004 pleite. Wer würde sich nun um die schwer traumatisierten Schimpansen kümmern?
2009 erklärten sich Michael Aufhauser und Dieter Ehrengruber von der Tierschutzgemeinschaft Gut Aiderbichl bereit, die verantwortungsvolle und teure Aufgabe zu übernehmen, damals noch mit Unterstützung der österreichischen Regierung und des Pharmakonzerns. Aufhauser und Ehrengruber wollten den Tieren eine würdige Unterbringung für den Rest ihres Lebens schaffen. 2011 wurden die großzügigen Freigehege eröffnet, deren Bau besonders anspruchsvoll war: „Schimpansen sind die gefährlichsten Tiere in der Tierhaltung“ erklärte uns damals der Bauleiter Bernd Wimmler von der Firma Strabag. „Das Problem ist, dass die Affen so intelligent sind und wir nie wissen, was ihnen einfällt, damit sie rauskommen.“
Bis heute kam es zu keinem Ausbruch aus den mit 4,60 Meter hohen Mauern, Panzerglas und Gittern geschützten Anlagen. Anders als in Zoos sind die Freigehege und auch die Innenräume ganz auf die Bedürfnisse der Tiere zugeschnitten. „Wenn ein Affen-Pascha in der Natur ausrastet und Imponiergehabe zeigt, können die anderen Tiere der Gruppe abhauen – in einem Gehege könnte das gefährlich werden“, so Foidl. Deshalb sind die Innenräume baulich so gestaltet, dass die Weibchen Schutz suchen können und der Macho sich bei einer Verfolgung den Kopf stoßen würde. Renate Foidl absolvierte vor 30 Jahren im Rahmen ihrer Tierpfleger-Ausbildung ein Praktikum bei den Versuchstieren. Als sie das Leid der Affen sah, beschloss sie: Ich muss bei ihnen bleiben, um ihnen wenigstens ein bisschen zu helfen, ich lasse sie nie mehr allein.
Die Affen spürten, wann ein Versuch anstand
Gab es kein Frühstück für die Affen, stand wieder so ein Tag mit Narkosen, Spritzen und Schläuchen an: „Die Affen wussten schon vorher genau, wann sie wieder zu den Versuchen müssen – dann wirkten sie besonders bedrückt und ängstlich“, erinnert sich Foidl. Wenn die 51-Jährige heute durch das Affen-Refugium führt, kann sie sichtbar Erfolge zeigen: Die Schimpansen, die nach der langen Zeit im Käfig schwach und kränklich waren und oft unter Haarausfall litten, haben durch das Klettern im Freien Muskeln aufgebaut. Die Erfahrung der Jahreszeiten sorgt dafür, dass ihr Haarkleid prächtig und voll wirkt wie in freier Wildbahn.
Von den bei der Eröffnung 37 Schimpansen leben noch 29. „Alle starben ganz natürlich, an Herzinfarkt oder Altersschwäche, nicht an direkten Folgen der Tierversuche“, sagt Foidl. Schimpansen können bis zu 60 Jahre alt werden. Star, die Älteste der Schimpansen von Gänserndorf, ist heute 51 Jahre alt. An die 2021 verstorbenen Chefs der „Männergruppe“, Holofernes und Johannes, erinnern Fuß- und Handabdrücke. Die drei verbliebenen Männchen Gogo, Blacky und Isidor, müssen jetzt nach und nach eine neue Hierarchie finden – eigentlich sind sie alle drei nicht die Alpha-Typen.
Blacky etwa ist ängstlich, traute sich lange nicht ins Freie. Die Zeit im Käfig hat ihn so traumatisiert, dass er sich oft selbst verletzte. Aber auch hier zeigt sich, welche Wunder die Erfahrung mit der Natur bewirkt: Blacky begann, gezielt Beifuß-Kräuter zu pflücken und zu fressen. „Gäste, die sich mit Kräutern auskennen, erklärten mir, dass Beifuß beruhigend wirkt“, erzählt Foidl. Blacky wusste das offenbar instinktiv. Die Kräuter halfen ihm, seine Anspannung abzubauen und sich nicht mehr selbst zu verstümmeln.
Am Ende unseres Rundgangs kommen wir zu Carmen. Sie lebt in einer Art „behindertengerechten Wohnung“, denn durch den viel zu engen Laborkäfig wurden ihre Arme und Beine und damit ihre Kletterfähigkeiten stark beeinträchtigt. Als sie die menschlichen Besucher sieht, quält sie sich über zwei Leitern zu uns hoch – nur um uns zu begrüßen. Sie drückt ihre Handfläche an die Scheibe, sieht uns mit offenem Blick in die Augen. Trotz der folterähnlichen Versuche, die wir Menschen an ihnen verübt haben, trotz der viel zu engen Käfige, in die wir sie gepfercht haben: In diesem Blick liegt Wärme und Zuneigung zu den menschlichen Verwandten, kein Hass.
SO KÖNNEN SIE HELFEN
2019 beendeten Baxter und der österreichische Staat ihre finanzielle Unterstützung. Seither muss Gut Aiderbichl die mehrere hunderttausend Euro pro Jahr teure Versorgung der Schimpansen allein aus Spenden tragen. Wer eine Patenschaft für einen Schimpansen übernimmt, darf die Anlage zwischen April und Ende Oktober samstags besuchen (Voranmeldung unter patenschaften@gut-aiderbichl.com). Spenden können Sie im Internet unter: Unser Einsatz für Ex-Labor-Schimpansen – gut-aiderbichl.com.