Durchstarten auf dem Fliegerhorst
Beamer für die Besprechungsräume.
Der Fliegerhorst in Fürstenfeldbruck.
Noch fehlen die Matratzen: Fernseher und Kühlschränke stehen hingegen schon in den Stuben, die jeweils zwei Personen beherbergen.
Der Bataillonskommandeur: André Tiburcio vor dem Kilometerbau und einer amerikanischen T-33, einem von neun ausgestellten Jets im Fliegerhorst. Links: das neue Wappen. © Fotos: Marcus Schlaf (5)
Fürstenfeldbruck – Der Kilometerbau macht seinem Namen alle Ehre, zumindest fast. Vom östlichen bis zum westlichen Ende erstreckt er sich über 817 Meter – nicht ganz der versprochene volle Kilometer, aber mehr als imposant. Eine einzige Tür gibt es, die offen stehen muss, damit man knapp 600 Meter ohne Hindernis zurücklegen kann. Wer hier wohnt, hat weite Wege.
Ab morgen wird es im Kilometerbau wieder wuseln. Tief im Westen beziehen die ersten 112 Rekruten der 8. Luftwaffenausbildungskompanie ihre Stuben, weiter östlich sitzt die Verwaltung. Statt den Fliegerhorst Fürstenfeldbruck wie geplant komplett in die zivile Nutzung zu überführen (s iehe unten ), ist die Bundeswehr auf dem altehrwürdigen Areal plötzlich wieder so präsent wie lange nicht.
Im Haus der weiten Wege bedeutet das in diesen Tagen eine Menge kleiner Schritte. Der Baustaub mag mittlerweile beseitigt sein, der Geruch frischer Farbe nur noch schwach, doch auch auf den letzten Metern bleibt viel zu tun. Altehrwürdig ist oft ein anderes Wort für akut renovierungsbedürftig.
Michael Hell kennt alle Problemzonen, auch die größte: „Der Brandschutz, eindeutig.“ Der Oberstabsfeldwebel hat mit dem Vorkommando seit Anfang Juli dafür gesorgt, dass die Rekruten – 99 Männer, 13 Frauen – möglichst angenehme Bedingungen vorfinden. Das heißt heute nicht zuletzt: stabiles Internet. 70 Kilometer IT-Kabel sind verlegt, um alle Stuben zu versorgen. Die Stränge sind so groß und schwer, dass die Aufhängung der Kabelschächte, aber auch ihr Schutz vor Flammen zur Herkulesaufgabe wurde. „Fünf renommierte Firmen“ hätten es versucht, erinnert sich Hell. „Eine hat‘s geschafft.“
Es ist eine Menge Aufwand nötig, um am Ende den kleinen Unterschied zu machen. Die Bundeswehr mag für das Land und seine Bündnispartner so wichtig sein wie vielleicht noch nie, aber sie ist für die Bürger auch ein Arbeitgeber, der seine Attraktivität erst mal unter Beweis stellen muss. „Wir haben es heute mit Menschen zu tun, die ganz andere Bedürfnisse haben“, sagt Oberstleutnant André Tiburcio.
Am Montag hatte er seinen ersten Tag als Kommandeur des Luftwaffenausbildungsbataillons 2, dem die 8. Kompanie unterstellt sein wird. Bis 2017 war der gebürtige Augsburger schon einmal in Fürstenfeldbruck stationiert. Bei seiner Rückkehr ist manches vertraut, aber vieles auch neu. Die größte Unbekannte sind die Rekruten. Mit „fünf, sechs Wochen“ Vorlauf würden sich junge Menschen heute für die Bundeswehr entscheiden, weiß Tiburcio. Das ist nicht viel, gemessen an der Tragweite. Und es heißt im Umkehrschluss, dass sie sich nicht nur spontan für, sondern auch gegen diesen Arbeitgeber entscheiden können.
Bei der Bundeswehr hat sich in den vergangenen Jahrzehnten viel getan, nicht bloß bei Stuben (Fernseher, Kühlschrank, Belegung zu zweit statt zu sechst) oder Bezahlung, auch im Umgang miteinander. Der legendär schroffe Ton der Vergangenheit gilt heute als verpönt. „Zeitenwende“ ist ja nur eine von vielen neuen Vokabeln. Eine andere lautet „Fachkräftemangel“.
Die Aufwuchsziele sind ehrgeizig. Aktuell umfasst die Truppe etwas über 186.000 Personen, bis 2035 sollen es bis 270.000 sein. Noch liegen die Zahlen im Korridor, doch für die nächsten Jahre steigt die Kurve. Es sollten möglichst viele, die sich jetzt für sechs bis 23 Monate verpflichten, auch bleiben. Und, auch das hofft man im Verteidigungsministerium, es sollte sich herumsprechen, welch guter Arbeitgeber die Bundeswehr ist.
In Fürstenfeldbruck hat sie viel Energie in die Wiederbelebung des Fliegerhorsts gesteckt, im Kleinen wie im Großen. Michael Hell und sein Vorkommando haben das Wappen der 8. Kompanie selbst gestaltet und dabei Wert auf regionale Identität gelegt: bayerische Raute, Alpenkette, Amperbrücke. Die Verwaltung wiederum ließ bei der Besetzung der Planstellen keine Wünsche des Kommandeurs offen. „Uns wurde erfahrenes Personal auf den Hof gestellt“, lobt Tiburcio.
Bis 2030 sind noch zwei Kompanien geplant
Auf die Rekruten warten einschneidende Veränderungen. Zwei-Mann-Stuben mögen einen gewissen Komfort darstellen, dennoch „ist das etwas anderes als zuhause im Kinderzimmer“, gibt Tiburcio zu bedenken. Auch die Ausbildung ist herausfordernd. 80 Prozent des Stoffes decken sich mit den Inhalten früherer Grundausbildungen. Die übrigen 20 sind neu, sie orientieren sich an der heutigen Zeit mit all ihren Facetten. Am Ende der dreimonatigen Heimatschutzausbildung werden die Rekruten eine Drohne bedienen können, sind aber auch für die Tücken der Social-Media-Gesellschaft gewappnet. Verbote soll es nicht geben, schließlich will man Reichweite und Strahlkraft der Plattformen nutzen. Aber dass es keine gute Idee wäre, sensible Inhalte per Insta-Story zu verbreiten, werden die Rekruten schon erfahren.
In drei Monaten werden die nächsten Rekruten im Fliegerhorst erwartet, Mitte 2027 soll eine zweite Kompanie entstehen, bis 2030 eine dritte. Noch mutet es etwas unwirklich an zwischen Etagenbetten, denen noch die Matratzen fehlen, und Unteroffizieren, die Beamer an die Decke schrauben, aber sie haben hier viel vor. Im Kilometerbau und nicht nur dort.